Aufgaben und Herausforderungen für Kulturgut verwahrende Sammlungen

Seit einigen Jahren rückt die Provenienzforschung immer stärker in den Fokus, ebenso die Begriffe Raubkunst, Beutekunst, menschliche Überreste, Restitution oder Repatriierung. Auch an der Universität Tübingen mit ihren rund 70 Sammlungen wurde die Herkunftsbestimmung von Objekten und menschlichen Überresten sowie der Nachweis möglicher Unrechtskontexte als wichtiges Forschungsdesiderat erkannt. In wissenschaftlichen Projekten, Publikationen und Ausstellungen sind bereits einzelne Aspekte vertiefend behandelt worden. Doch wird uns das Thema auch zukünftig begleiten, da es nicht nur Objekte betrifft, die sich bereits in unseren Sammlungen befinden, sondern auch solche, die neu hinzugefügt werden.


Projekt „Prekäre Provenienz“

Das Projekt "Prekäre Provenienz – Menschliche Überreste aus dem kolonialen Erbe Afrikas vor 1919 in wissenschaftlichen Sammlungen Baden-Württembergs" läuft seit 1. September 2021. Zielsetzung des Vorhabens ist die Erforschung der Personen, die vor mehr als 100 Jahren menschliche Überreste untersucht, Sammlungen angelegt und sich am Tauschgeschäft beteiligt haben. Die Rekonstruktion der damaligen Netzwerke, der Expeditionsrouten und der Translokationen stellen eine essentielle Grundlagenforschung für zukünftige Projekte im Bereich der kolonialzeitlichen Provenienzforschung dar.

Zur Projektseite


Zentrale Anlaufstelle für Provenienzforschung am MUT


Im August 2020 konnte mit Dr. Fabienne Huguenin die Stelle für Provenienz- und Sammlungsforschung am Museum der Universität Tübingen MUT besetzt werden. Damit bietet das MUT eine zentrale Anlaufstelle für die rund 70 Sammlungen der Universität Tübingen im Umgang mit sensiblen Objekten sowie mit Restitutions- und Repatriierungsfragen. Zudem unterstützt Frau Huguenin die Drittmittelakquise für Projekte zu NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgütern sowie im Kontext „schwieriges Erbe“ der Kolonialzeit.


Letzteres wird insbesondere seit dem „Bericht über die Restitution afrikanischer Kulturgüter“ von Bénédicte Savoy und Felwine Sarr im Jahr 2018 verstärkt in den Blick genommen. Dabei liegt der Fokus unter anderem auf der Grundlagenforschung, wie beispielsweise der Netzwerkforschung zur Rekonstruktion früherer Verbindungen von Sammler*innen, Forscher*innen, Institutionen und anderen Akteur*innen. Aber auch der Austausch mit anderen Institutionen, wie den baden-württembergischen Sammlungen an Museen und Universitäten, sowie mit den bundesweit und international aktiven Arbeitskreisen, Projekten und anderen Zusammenschlüssen im Bereich der Provenienzforschung ist unabdingbar. Angestrebt wird darüber hinaus der Aufbau von Kontakten zu Herkunftsgesellschaften, um den Blick und die Position des globalen Südens in den jeweiligen Projekten zu berücksichtigen.


Dabei stellt die Provenienzforschung, wie die Vergangenheit mehr als deutlich gezeigt hat, eine Langzeitaufgabe da, unter anderem aufgrund der schwierigen, langwierigen Recherchen, bedingt durch lückenhafte Überlieferung und der schieren Masse an Objekten, deren Herkunftsgeschichte nicht geklärt ist. Wir werden uns auch zukünftig mit Provenienzgeschichte befassen müssen, denn jedes Objekt, das neu in eine Sammlung gelangt, muss auf seine Herkunft hin untersucht werden.



Provenienzforschung – was ist das?

Während die Objektforschung sich der (kulturellen) Funktion eines Kulturguts widmet – seiner Form, Materialität und Dimension, seinem konkreten Nutzen oder seinem ästhetischen Affizierungspotential –, geht es bei der Provenienzforschung zunächst ganz allgemein gesprochen um den Kontext, in dem das Objekt hergestellt und (immer wieder) weitergereicht wurde. Der Begriff leitet sich ab vom Lateinischen „provenire“ für „herkommen“. Erforscht wird dabei die Biografie des Objekts von seiner Entstehung bis zur Ankunft in unseren Sammlungen. Dabei wird die Geschichte der Wahrnehmung des Objekts nachgezeichnet und somit seine Bedeutung beispielsweise für Sammler*innen und Forscher*innen. Die Recherchen legen die Sichtweise der beteiligten Akteur*innen auf das Objekt offen und damit den Wert, den sie ihm jeweils beimaßen.

Doch über die Objektbiografie hinaus geht es in einem zweiten, wesentlich bedeutenderen Schritt der Provenienzforschung darum, diejenigen Objekte ausfindig zu machen, die unrechtmäßig entzogen wurden. Es kann sich um Beute- bzw. Raubkunst handeln oder um menschliche Überreste, die ohne explizite Einwilligung der Herkunftsgesellschaften mitgenommen wurden. Auch Objekte, die in einer Drucksituation und ohne angemessene Entschädigung von den Vorbesitzer*innen abgepresst wurden, sind hier zu berücksichtigen. Des Weiteren können Forschungsdaten betroffen sein, wie Tonbandaufnahmen, Fotografien, Filme oder, um ein konkretes Beispiel zu nennen, um Handabdrücke von Juden, die von den betroffenen Personen in herabwürdigender Weise und/oder ohne Einwilligung abgenommen wurden (hierzu siehe die Ausstellung des MUT von 2015: „In Fleischhackers Händen. Tübinger Rassenforscher in Lodz 1940–1942.) Ebenfalls in Betracht gezogen werden müssen Unrechtskontexte, die außerhalb der NS-Zeit oder der Kolonialzeit liegen und bis zurück zu den Anfängen der Expansionsbestrebungen Europas Ende des 15. Jahrhunderts führen können.


Faire und gerechte Lösungen

Ist ein Unrechtskontext nachgewiesen oder anzunehmen, dann stellt sich recht bald die Frage nach der Restitution oder, im Fall von menschlichen Überresten, der Repatriierung. Hierfür müssen die berechtigen Erben oder die Herkunftsgesellschaften identifiziert werden. Selbst wenn bereits Verjährungsfristen geltend gemacht werden können, so bleibt es dennoch unsere moralische und von der Gesellschaft sowie der Politik eingeforderte Pflicht, uns mit dem Thema zu befassen und eine solche Restituierung oder Repatriierung anzustreben. Dies ist spätestens seit den Washingtoner Prinzipien allgemeiner Konsens. Am 3. Dezember 1998 unterzeichneten 44 Staaten, im Anschluss an die Konferenz über Vermögenswerte aus der Zeit des Holocaust, diese rechtlich nicht bindende Übereinkunft. Zielsetzung der Selbstverpflichtung ist es, Beute- bzw. Raubkunst zu identifizieren, Vorkriegseigentümer oder Erben ausfindig zu machen und zu „gerechten und fairen Lösungen“ zu gelangen. Wenn zunächst vor allem die NS-Zeit im Zentrum stand, so gelten diese Zielsetzungen nun für alle Unrechtskontexte, für die Kolonialzeit ebenso wie für die ehemalige sowjetische Besatzungszone (SBZ) oder die DDR.


Herausforderungen der Provenienzforschung

Das Problem ist: je weiter das Ereignis des unrechtmäßigen Entzugs zurückliegt, umso geringer ist meist die erhaltene Datenmenge. Inventarbücher gingen im Lauf der Zeit verloren, bei Umzügen wurden Dokumente „kassiert“ (weggeworfen/vernichtet), Briefe, Zettel und andere Unterlagen sind nicht mehr auffindbar etc., manchmal wurden Unterlagen an ein Archiv gegeben. Auch ist an Universitätssammlungen der Kenntnisstand über die Herkunftsgeschichten der Objekte im Vergleich zu wissenschaftlichen Sammlungen an Museen oftmals geringer. Das mag daran liegen, dass den Universitätssammlungen in den letzten Jahrzehnten weniger Beachtung zuteilwurde und sie erst seit etwas mehr als zehn Jahren wieder in ihrer Bedeutung für Forschung, Lehre, Vermittlung und als kulturelles Erbe unserer Bildungseinrichtungen wahrgenommen werden. Frühere Sammlungskustod*innen, Forscher*innen oder Sammler*innen können oft nicht mehr befragt werden und so müssen andere Wege gefunden werden, an Informationen zur Herkunft der Objekte zu gelangen. Nicht selten sind hier Umwege notwendig, weshalb die Kontakte zu anderen Sammlungen und Provenienzforscher*innen essentiell sind.


Wertvolle Erkenntnisse

Für die Universitätssammlungen ergeben sich durch die Provenienzforschung weiterführende, tiefgehende Erkenntnisse über die eigene Institution und die beteiligten Akteur*innen, die oftmals in Vergessenheit geraten waren. Die Institutions- und Sammlungsgeschichte wird erhellt und somit das Verständnis für die einzelnen Forschungsrichtungen erheblich erweitert. Die Arbeit in heutigen Netzwerken – also gemeinsam mit anderen wissenschaftlichen Sammlungen, Museen oder Institutionen sowie den Kolleg*innen – ermöglicht die Rekonstruktion früherer Netzwerke, denen nicht nur im Kontext der Provenienzforschung hohe Relevanz zukommt, sondern auch für die Epistemiologie.



Provenienzforschung an der Universität Tübingen

Die Relevanz der Provenienzforschung und der historischen Aufarbeitung geschehenen Unrechts wurden an der Universität Tübingen erkannt. Bereits in den 1970er- und 1980er-Jahren wurde zu diesem Thema recherchiert und publiziert (u.a. Wilfried Setzler/Uwe Dietrich Adam: Hochschule und Nationalsozialismus: die Universität Tübingen im Dritten Reich, Tübingen 1977; Benigna Schönhagen: Das Gräberfeld X: eine Dokumentation über NS-Opfer auf dem Tübinger Stadtfriedhof, Tübingen 1987). Eine Ausstellung des Universitätsarchivs UAT im Jahr 1983 befasste sich mit den Anfängen des Nationalsozialismus an der Universität Tübingen zwischen 1926 und 1934 (siehe Begleitheft). Die Universitätsbibliothek gab 2001 den erhaltenen Teil der im Jahr 1933 von der Gestapo beschlagnahmten Büchersammlung von Cäsar Hirsch (1885–1940) an die rechtmäßigen Erben in den USA zurück. Auch eine Bibliografie zur Universität Tübingen in der Zeit des Nationalsozialismus ist online verfügbar (siehe hier).


Im Jahr 2002 wurde der Arbeitskreis Universität Tübingen im Nationalsozialismus gegründet. Aus diesem ist eine Reihe von Publikationen hervorgegangen, die in Kooperation mit mehreren universitären Einrichtungen entstanden sind. Der umfangreiche Band „Die Universität Tübingen im Nationalsozialismus“ wurde 2010 publiziert (siehe auch hier). Für die Recherchen sowohl zur NS-Zeit, als auch zur Kolonialzeit oder zu anderen möglichen Unrechtskontexten, stellt das für die Universität Tübingen zuständige Universitätsarchiv umfangreiches Quellenmaterial bereit. Dort werden nicht nur schriftliche Unterlagen verwahrt, die von den Sammlungen an das Archiv abgegeben wurden, sondern auch die Gegenüberlieferung der Zentralen Verwaltung und der Fakultäten über die Sammlungen und Institute. Diese können, ebenso wie einzelne Nachlässe, eine wertvolle Ergänzung zur Überlieferung der Sammlung darstellen. Das Team des Universitätsarchivs unterstützt alle Anfragenden mit fachlichem Rat.


Im Jahr 2015, und somit 70 Jahre nach Kriegsende, wurde eine Studium-Generale-Reihe zum Thema ins Leben gerufen. Zudem bot das Museum der Universität MUT zwei Ausstellungen an: „Forschung, Lehre, Unrecht“ und „In Fleischhackers Händen. Wissenschaft, Politik und das 20. Jahrhundert“. Während die erstgenannte Ausstellung die Universitätslehre in Tübingen allgemein behandelte, fokussierte die zweite die rassenkundliche Habilitationsschrift des Tübinger Anthropologen Hans Fleischhacker (1912–1992), die 1943 von der Universität angenommen wurde. Auch im Masterprofil Museum & Sammlungen wird das Thema Provenienzforschung zur Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses regelmäßig angeboten: Im Wintersemester 2020/21 mit dem Seminar „Lehrforschungsprojekt: NS-Volksgemeinschaft. Nationalsozialistische Gewaltverbrechen in der Provinz im Spiegel der Tübinger Anatomie“ (Benigna Schönhagen), im Wintersemester 2019/20 mit dem Exkursionsseminar "Kolonialzeitliche Sammlungen als schwieriges Erbe" (Thomas Thiemeyer) und im Wintersemester 2017/18 im Hauptseminar "Die Biographie der Objekte" (Anette Michels).


Von 2016 bis 2018 wurde das Projekt „Schwieriges Erbe: Zum Umgang mit kolonialzeitlichen Objekten in ethnologischen Museen “ von Wissenschaftler*innen der Universität Tübingen und des Lindenmuseums gemeinsam durchgeführt. Die Projektinitiator*innen Inés de Castro, Gabriele Alex und Thomas Thiemeyer und ihre Forscherteams befassten sich dabei mit Herkunftsgeschichten einzelner Sammlungsobjekte aus den einstigen deutschen Kolonien Südwest-Afrikas. Die Pilotstudie stellte sich der Kritik an den ethnologischen Museen und begann intensiv mit der Aufarbeitung der Kolonialgeschichte. Herkunftsklärung und Sammlungsbiografie waren ein Teil des Projekts, der andere stellte sich der Herausforderung des Museums als Wissensspeicher und Wissensvermittler im Kontext gesellschaftlicher Diversität. Darüber hinaus beschäftigt sich Prof. Dr. Johannes Großmann vom Seminar für Zeitgeschichte mit der Wissenschaftsgeschichte der Kolonialzeit.


Ein digitaler Workshop wurde vom 19. bis 21. Mai 2021 an der Universität Tübingen unter dem Titel „Wissenschaft und Universität zwischen kolonialer Vergangenheit, postkolonialer Gegenwart und dekolonialer Zukunft“ veranstaltet. Einige der Beiträge des Workshops sind in der Zeitschrift „Geschichte in Wissenschaft und Unterricht“ mit dem Titel „Koloniales Erbe(n)“ erschienen.


Auch andere Institutionen der näheren Umgebung widmen sich der Provenienzforschung, wie beispielsweise das Tübinger Stadtmuseum. Auf den Online-Seiten der Stadt Tübingen werden Stadtrundgänge zu verschiedenen Themen angeboten, wie beispielsweise einen Geschichtspfad zum Nationalsozialismus, der auch Informationen zur Universität Tübingen in der damaligen Zeit bietet.

Zur Vorbereitung eines Verbundantrags fand am 16. September 2020 eine erste Arbeitssitzung statt. Zwischenzeitlich wurde das Projektvorhaben beim Deutschen Zentrum Kulturgutverluste eingereicht und bewilligt. Seit 1. September 2021 läuft das Projekt, dessen konkrete Planung auf der Arbeitssitzung am 27. Oktober 2021 besprochen wurde.  


Personen

Tel: +49 (0)7071 29 74 127
E-Mail senden

Tel: +49 (0)7071 29 74134
E-Mail senden

Tel: +49 (0)7071 29 76437
E-Mail senden