Beim Schatz des Monats Juni 2026 handelt es sich um eine Tatanua-Malanggan-Maske aus der Ethnologischen Sammlung der Universität Tübingen.
Diese Tatanua-Maske aus dem frühen 20. Jahrhundert war nie bloße Dekoration. Sie wurde für die großen Malanggan-Totenzeremonien in Nord-Neuirland, Papua-Neuguinea, geschaffen und ermöglichte den Toten im rituellen Tanz eine letzte, flüchtige Rückkehr in die Welt der Lebenden.
Die Masken entstehen an abgeschiedenen rituellen Orten fernab der Dörfer. Dort arbeiten Meisterschnitzer im Verborgenen, geschützt vor der gefährlichen spirituellen Kraft der Masken. Vor dem Schnitzen erscheint die Tatanua dem Künstler häufig im Traum; das angeschwemmte Holz wird zuvor in die Nähe des Leichnams gelegt, damit sich dessen Lebenskraft darin sammeln kann. Muscheln, Pflanzenfasern und die charakteristische asymmetrische Haartracht verweisen auf traditionelle Trauerpraktiken und spirituelle Kraft.
Höhepunkt der Feierlichkeiten ist der Tatanua-Tanz. Die Tänzer stellen die Verstorbenen nicht nur dar, sondern verkörpern sie für kurze Zeit. Ahnenmythen werden aufgeführt, die Grenze zwischen Lebenden und Toten aufgehoben. Oft fällt diese Phase mit dem Nachtfest bot zusammen – einer Vollmondnacht voller Musik, Tanz und Austausch. Alte Schulden werden durch Schweine und Muschelgeld beglichen, während die Maskenträger als spirituelle Zeugen die Gültigkeit von Erbschaften und Besitzübertragungen bestätigen. Nach der Zeremonie verliert die Maske ihre spirituelle „Hitze“. Da die Ahnen nur temporär in ihr erscheinen, kann sie anschließend aufbewahrt, weitergegeben oder verkauft werden.
Die Tatanua verweist auf eine Welt, in der Menschen, Tiere, Pflanzen und Dinge durch spirituelle Beziehungen verbunden sind. Wenn ein Mensch stirbt, zerstreut sich seine Lebenskraft, tanua, und muss rituell verwandelt werden. Die Maske dient dabei als temporäre „Haut“ für die Seele der Verstorbenen und begleitet ihren Übergang in die Ahnenwelt. Verwendet wurde sie ausschließlich für angesehene Erwachsene, die eines natürlichen Todes gestorben waren. Ihre Bemalung in Weiß, Rot, Schwarz und Gelb steht für Reinheit, Lebenskraft, Gefahr und spirituelle Energie.
Heute befindet sich die Tatanua-Maske im Museum Weltkulturen im Schloss Hohentübingen – weit entfernt von den Zeremonien, die sie einst belebten. Dennoch erzählt sie weiterhin von Trauer, Erinnerung und einer Welt, in der Tod nicht als Ende, sondern als Verwandlung verstanden wird.
Zum Vortrag von Katharina Nowak, Doktorandin der Abteilung Ethnologie, und Anthony Lupai, Kunstschnitzer aus Neuirland, am 9. Juni laden wir Sie herzlich ein. Im Mittelpunkt stehen ihre gemeinsame Forschung zu Malanggan, Fragen der Provenienz sowie die kolonialen Verflechtungen und reichen rituellen Traditionen Neuirlands.
Marina Freidhof


