Provenienzforschung zu den Ancestral Human Remains aus kolonialen Kontexten
Seit 2021 wird am MUT die Aufarbeitung der Herkunftsgeschichten der Ancestral Human Remains in Baden-Württemberg erforscht. Nun konnte das MUT eine weitere wissenschaftliche Mitarbeiterin einstellen, die am 15. März 2025 das Projekt „Erforschung der menschlichen Gebeine aus der Kolonialzeit in den Sammlungen der Universität Tübingen“ bearbeitet.
Im Zentrum des neuen Projekts stehen nun die wissenschaftlichen Sammlungen der Universität Tübingen. Neben Ancestral Human Remains aus afrikanischen Kontexten rücken dabei auch solche aus weiteren ehemaligen deutschen Kolonialgebieten, etwa aus dem Pazifikraum, sowie generell alle Ancestral Human Remains, die während der Kolonialzeit in die Sammlungen gelangten, in den Fokus. Ziel ist eine verantwortungsvolle, umfassende Aufarbeitung und systematische Dokumentation aller Ancestral Human Remains in den Sammlungen.
Warum Begriffe wichtig sind
In der Provenienzforschung am Museum der Universität Tübingen MUT verwenden wir bewusst den Begriff der Ancestral Human Remains anstelle der im deutschen Fachdiskurs etablierten Bezeichnung „menschliche Überreste“, wie sie vom Deutschen Museumsbund (DMB) empfohlen werden, oder „menschliche Gebeine“ wie sie im Projektantrag an das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg (MWK) verwendet werden.
Diese Begriffe bleiben überwiegend deskriptiv-materiell und greifen aus unserer Sicht zu kurz, wenn es um historisch belastete Sammlungen geht. Die Empfehlung des Beirats des Verbundprojekts „Prekäre Provenienz“ am MUT betont die Notwendigkeit einer reflektierten und verantwortungsvollen Sprache, die koloniale Gewaltkontexte, Entmenschlichungsprozesse und die potenzielle Verbundenheit der Individuen mit Herkunftsgesellschaften sichtbar macht. Der Begriff Ancestral Human Remains trägt dieser ethischen Dimension stärker Rechnung, da er die biographischen, kulturellen und sozialen Bezüge der Verstorbenen hervorhebt und damit eine re-humanisierende, dekolonial informierte Forschungspraxis unterstützt.
Zentrale Aufgaben des Projekts
1. Historische Provenienzforschung
Im neuen Provenienzforschungsprojekt am Museum der Universität Tübingen werden die Herkunft und die historischen Erwerbskontexte der in den universitären Sammlungen befindlichen Ancestral Human Remains aus der Kolonialzeit umfassend untersucht. Aufbauend auf den Ergebnissen des früheren Verbundprojekts erfolgt die Forschung in enger Anbindung an etablierte nationale Leitlinien zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten.
Ein besonderer Fokus liegt auf der systematischen Erfassung aller Ancestral Human Remains und der Rekonstruktion der wissenschaftlichen Netzwerke, über die menschliche Gebeine während der Kolonialzeit in die Sammlungen gelangten. Hierfür werden Inventarbücher, Verwaltungsunterlagen, Nachlässe und weitere archivalische Quellen systematisch ausgewertet, um Transportwege, beteiligte Akteure und Akteurinnen sowie institutionelle Verflechtungen nachvollziehbar zu machen. Durch diese detaillierte Analyse entsteht ein transparentes Bild der damaligen Sammlungspraxis und ihrer Einbindung in die kolonialen Strukturen.
2. Visuelle Anthropologische Begutachtung
Ergänzend zur historischen Provenienzforschung kann eine visuelle, nicht-invasive anthropologische Untersuchung einen Beitrag zum Verständnis der Lebens- und Sammlungsgeschichte der betreffenden Vorfahren und Vorfahrinnen leisten. Die Analyse morphologischer Merkmale, des Erhaltungszustands und der dokumentierten Spuren früherer, oft kolonial geprägter, Sammlungspraktiken dient ausschließlich der Kontextualisierung und nicht der klassifizierenden Zuschreibung.
Die Osteobiografien liefern Hinweise auf Geschlecht, Alter, pathologische Veränderungen und mögliche traumatische Einwirkungen und machen damit die individuellen Lebensumstände sichtbar, die in archivalischen Quellen oft fehlen. Die Kombination aus anthropologischer und historischer Provenienzforschung ermöglichen eine kritische Rekonstruktion der historischen Sammlungsprozesse und der daran beteiligten Akteure und Akteurinnen, immer im Bewusstsein einer ethischen Verantwortung gegenüber der betroffenen Herkunftsgemeinschaften.
3. Transparenz
Ziel ist es, die Forschungsergebnisse so transparent wie möglich zu kommunizieren sowie die betroffenen Communities in die Forschung miteinzubeziehen. Uns ist es wichtig, dass wir regelmäßig Neuigkeiten aus dem Projekt veröffentlichen, den Zugriff auf die Ergebnisse für die betroffenen Communities ermöglichen und uns verstärkt um Kooperationen mit Communities bemühen.
Hintergrund, Bedeutung und Förderung
Die Forschungs- und Aufarbeitungsarbeit basiert auf den „Ersten Eckpunkten zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“ (2019) und den „gemeinsamen Leitlinien“ (2025) von Bund, Ländern und kommunalen Spitzenverbänden.
Darin wird die Aufarbeitung und Repatriierung der Ancestral Human Remains aus kolonialen Kontexten ausdrücklich als prioritäres Handlungsfeld hervorgehoben. Zur systematischen Weiterführung der Aufarbeitung haben die Universität Tübingen und das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst (MWK) Baden-Württemberg die gemeinsame Finanzierung eines auf zunächst fünf Jahre angelegten Projekts beschlossen.
Ansprechpersonen
Prof. Dr. Ernst Seidl
Direktor des MUT
Tel: +49 (0)7071 29 74134
E-Mail: ernst.seidl[at]uni-tuebingen.de
Dr. des. Annika Vosseler
Provenienz- und Sammlungsforschung
Tel: +49 (0)7071 29 74127
E-Mail: annika.vosseler[at]uni-tuebingen.de
Dr. Anne Kremmer
Provenienzforschung ‘Human Remains’
Tel: +49 (0)7071 29 74127
E-Mail: anne.kremmer[at]uni-tuebingen.de





