Beim Schatz des Monats September 2026 handelt es sich um das sogenannte Totenbuch des Siamun aus der Ägyptischen Sammlung der Universität Tübingen.
Es (ÄSUT Inv.-Nr. P 2003) wird aufgrund seines fragmentarischen Zustandes innerhalb der Ägyptischen Sammlung der Universität Tübingen unter insgesamt zwölf Glasplatten verwahrt. Auch wenn der Papyrus nur noch bruchstückhaft erhalten ist, so weist er heute noch eine beachtliche Gesamtlänge von über 6 Metern auf.
Die Handschrift ist mit Kursivhieroglyphen beschrieben – eine die bildhaften Hieroglyphen vereinfachende, kursive Schriftform, die vor allem in sogenannten Totenbüchern verwendet wurde. Dabei ist die Bezeichnung „Totenbuch“ ein moderner, von Ägyptologen geprägter Begriff für eine Spruchsammlung, die bevorzugt auf Papyrus niedergeschrieben wurde und als Grabbeigabe diente. Weiterhin konnten auch Mumienbinden, Leichentücher oder anderes Grabinventar als Schriftträger für diese Texte genutzt werden. Oft waren den Sprüchen kleine Bildfelder, auch Vignetten genannt, beigegeben, die deren Inhalt nochmals bildhaft verdeutlichen sollten.
Der eigentliche, altägyptische Name dieser Spruchsammlung lautet „Sprüche vom Herausgehen am Tage“ und bezieht sich auf dem Wunsch des Verstorbenen, sein Grab auch nach dem Tode zu verlassen, um sich im Diesseits unter den Lebenden frei bewegen zu können. Um dies zu tun, musste der mumifizierte und damit bewegungsunfähige Verstorbene mithilfe magischer Texte eine andere, bewegliche Form, z. B. die einer Schwalbe, annehmen. Darüber hinaus war es notwendig, dass der Verstorbene sich auch im Jenseits zu bewegen wusste, um so einerseits Gefahren zu meiden und andererseits paradiesische Orte zu erreichen und eine Aufnahme in den Kreis der Götter zu erfahren.
All diese und weitere Informationen waren in den insgesamt etwa 200 Sprüchen des Totenbuchs, die auch als „Totenbuchkapitel“ bezeichnet werden, enthalten. Allerdings wurden nicht alle 200 Kapitel auf einem Papyrus niedergeschrieben. Stattdessen wurden Totenbücher zu Lebzeiten in Auftrag gegeben und nach den Wünschen des Auftraggebers gestaltet. Die meisten von ihnen enthielten somit eine individuelle Auswahl und Abfolge an Sprüchen. Dabei hingen Qualität und Länge bzw. die Anzahl der Totenbuchkapitel von der Kaufkraft des Auftraggebers oder der Auftraggeberin ab. So enthält der Papyrus Tübingen 2003 noch die Reste von mindestens 28 Totenbuchkapiteln.
Der Name des Auftraggebers und somit des Besitzers des Tübinger Totenbuches lautete Siamun („Sohn des Amun“) und sein ebenfalls niedergeschriebener Titel verrät bereits seinen nicht unerheblichen Rang: Siamun war „Vorsteher der Arbeiten des Hauses der Königsgemahlin im Haus des Re“ und somit ein Bauleiter in Heliopolis, einer der wichtigsten Kultstätten des Alten Ägypten. Allerdings lässt sich sein Name heute nicht mehr mit einem konkreten Bauprojekt verknüpfen. Ebenso existieren bislang keine Hinweise auf die ursprüngliche Lage des Grabes des Siamun, jedoch wird sich dieses wahrscheinlich einst in Sakkara (heute etwa 20 km südlich von Kairo) befunden haben.
Aufgrund stilistischer und handschriftlicher Untersuchungen kann der Papyrus zeitlich in die 18. Dynastie datiert werden und ist wohl in der Zeit der Herrscher Thutmosis III. (1479–1425 v. Chr.) und/oder Amenophis II. (ca. 1425–1400 v. Chr.) entstanden.
Hervorzuheben sind in dem Tübinger Totenbuchpapyrus des Siamun vor allem die qualitätvollen, farbigen Vignetten, zu denen unter anderem die nahezu naturgetreue Wiedergabe einer Schwalbe sowie die Darstellung zweier Rinder zählen. Von den zuletzt genannten Tieren sind nur noch die Vorderteile erhalten. Im Vordergrund ist eine schwarz-weiß gefleckte Kuh zu sehen, während hinter ihr ein rotbraunes Tier schreitet. In der Regel ziehen die Rinder auf vergleichbaren Darstellungen den Sargschlitten, auf dem die Mumie liegt und transportieren diese so zu ihrem Grab. Die herausragende Qualität der Vignetten lässt trotz des bruchstückhaften Zustands vermuten, dass dieser Papyrus einst zu den vortrefflichsten Totenbüchern seiner Zeit zählte.
Die Handschrift wurde vom Lindenmuseum Stuttgart erworben und ist in der Regel nicht Teil der Ausstellung. Sie wird nur für einen kurzen Zeitraum für die Besucher des Museums im Schloss Hohentübingen zu sehen sein.
Dr. Natalie Schmidt


