Beim Schatz des Monats Oktober 2026 handelt es sich um altsteinzeitliche Geschossspitzen mit gespaltener Basis aus der Sammlung der Älteren Urgeschichte der Universität Tübingen.
Geschossspitzen mit gespaltener Basis gehören zu der typischen aurignacienzeitlichen Jagdtechnologie vor etwa 40 000 Jahren. Die meisten dieser Spitzen wurden aus Geweih gefertigt und die gespaltene Basis diente der Befestigung auf einem Schaft. Im Vogelherd bei Niederstotzingen auf der Schwäbischen Ostalb wurden zahlreiche dieser Spitzen ausgegraben und sie zeugen davon, dass unsere Vorfahren dort Wild jagten. Diese Artefaktform ist europaweit aus altsteinzeitlichen Fundstellen bekannt. Wir fassen also ein paneuropäisches Phänomen. Besonders Stücke aus Südwestfrankreich und Kantabrien ähneln den Stücken aus den Höhlen der Schwäbischen Alb. Die Herstellungstechnik dieser speziellen Jagdwaffen ist zwischen den Regionen ebenfalls gut vergleichbar, obwohl es eine Besonderheit auf der Schwäbischen Alb hinsichtlich der Herstellung der Basis gibt: diese wurde direkt gespalten und nicht wie in anderen Regionen häufig herausgeschnitten. Dies zeigt die technologische Vielseitigkeit der eiszeitlichen Menschen der Schwäbischen Alb, die jedoch in ein überregionales Netzwerk eingebunden waren.
Jüngst untersuchte eine Archäologengruppe um Urgeschichtler der Universität Tübingen, ob die Geschossspitzen mit gespaltener Basis auch als Pfeilbewehrung für Pfeil und Bogen genutzt worden sein könnten. Dies ist revolutionär, da Bögen aus Holz erst in der Mittelsteinzeit ab etwa 11 700 Jahren vor heute sicher belegt sind. Die Autoren gehen der Frage nach, ob sich schon sehr früh in der Menschheitsgeschichte verschiedene Waffensysteme nebeneinander entwickelt haben könnten. Sie führten experimentelle Schusstests mit rekonstruierten Geschossspitzen durch, um die mögliche Nutzung der Geschossspitzen mit gespaltener Basis zu überprüfen. Dabei wurden unterschiedliche organische Rohmaterialien, Größen und Formen der Spitzen sowie verschiedene Abschussmechanismen, unter anderem Bogen, Speerschleuder und Armbrust, miteinander verglichen. Anschließend wurden die entstandenen Bruch- und Beschädigungsmuster analysiert und mit archäologischen Geschossspitzen verglichen. Ein zentrales Ergebnis ist, dass Bruchmuster offenbar nicht eindeutig zwischen Pfeilspitzen und Speerspitzen unterscheiden lassen. Die Art und Größe der Beschädigungen hängen nach den Experimenten stärker vom Rohmaterial und von den Dimensionen der Spitze ab als vom verwendeten Abschussmechanismus. Die Schadensmuster experimenteller Pfeilspitzen liegen deshalb innerhalb des Variationsbereichs, der auch bei Speerspitzen beobachtet wird. Damit kann das Fehlen bestimmter charakteristischer Brüche nicht als eindeutiger Beleg gegen eine Verwendung als Pfeilspitze gelten.
Die Aurignacien-Jagdtechnologie war deshalb vermutlich vielfältiger als bisher angenommen. Die Studie beweist nicht die Existenz von Pfeil und Bogen im Aurignacien, sondern liefert experimentelle Argumente dafür, dass die archäologischen Geschossspitzen mit einem solchen Waffensystem vereinbar sind.
Auch Jahrzehnte nach der ersten Ausgrabung wird aktuellen Forschungsfragen der Urgeschichte mit Hilfe der Artefakte aus dem Vogelherd nachgegangen.
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Sybille Wolf


