Der Schatz des Monats Oktober ist ein sogenannter Depas Amphikýpellon.
Heinrich Schliemann, dessen Geburtstag sich am sechsten Januar 2022 zum zweihundertsten mal jährte, hatte seine Ausgrabungen am Siedlungshügel Hisralık mit dem Ziel begonnen, „Troja, die Residenz des Priamos, die Stadt, welche das Heer der Griechen unter Agamemnon belagerte“ zu entdecken. Mit außergewöhnlich großem finanziellen und personellen Aufwand fanden zwischen 1871 und 1890 vor allem im Zentrum des Fundplatzes umfangreiche Grabungstätigkeiten statt, die zu einer großflächigen Abtragung von Siedlungsschichten und Baubefunden antiker und prähistorischer Zeit führten. In bis zu 15 m tiefen, von Osten nach Westen und Norden nach Süden verlaufenden Gräben ließ er binnen kurzer Zeit im Grunde all das abtragen, das oberhalb der architektonischen Hinterlassenschaften der zweituntersten Schicht (Troia II) gelegen war, in deren durch Brand zerstörten Resten er die „Wohnstätten der Helden des Troianischen Kriegs“ erblickte. In seiner Annahme bestätigt sahe er sich durch den Fund eines aus dem üblichen Formenspektrum herausragenden Bechertyps, den er mit einer Textstelle im ersten Buch von Homers Ilias in Verbindung betrachte. Beschreiben wird, wie Hephaistos mit einem „Depas Amphikypellon“ genannten Gefäß Nektartrunk schöpft und seiner Mutter Hera und anderen Olympischen Göttern überreicht, um diese ihm gewogen zu stimmen. In den „langen, geraden, hornförmigen, glänzend rothen Becher[n] mit zwei ungeheuern Henkeln“ meinte Heinrich Schliemann ebendiese Form zu erkennen und betrachtete sie als Beweis für die Existenz des Homerischen Troia: „Die allgemeine Erklärung, das δέπας ἀμφικύπελλον habe, gleich einem Stundenglase mit geöffneten Enden, einem obern und einen untern Becher, scheint mir gänzlich irrig. Denn da man doch jedenfalls immer nur die eine Seite eines derartigen Bechers auf einmal würde füllen können, so gäbe es keine raison d‘être für die zwei Becher in entgegengesetzten Richtungen. So oft überdies jemand einem andern den weingefüllten Becher reicht, gibt Homer stets deutlich zu erkennen, dass es sich um einen δέπας ἀμφικύπελλον d.h. um einen Becher mit zwei Henkeln handelt, den man mit dem einen darreicht, mit dem andern in Empfang nimmt.“ Auch wenn in der aktuellen Forschung zur ägäischen und anatolischen Bronzezeit mittlerweile fest davon ausgegangen wird, dass der im 8. Jahrhundert v.Chr. lebende Homer nicht auf die Becher von Troia II aus dem 3. Jahrtausend v.Chr. Bezug nahm, so konnte sich die von Schliemann für diese eingeführte Begrifflichkeit bis heute halten.
Das in der Dauerausstellung des Museums der Universität Tübingen MUT | Alte Kulturen gezeigte Fundstück ist Teil der Originalsammlung des Instituts für Klassische Archäologie der Eberhard-Karls-Universität (Inv.-Nr. KLA-Or 764) und gelangte 1901 als Schenkung der Königlichen Museen Berlin nach Tübingen. Der schmale, 19 cm hohe Depasbecher wurde zwischen 2550 und 2200 v.Chr. (Troia II¬-III) zunächst von Hand geformt und dann auf der Töpferscheibe nachbearbeitet, worauf markante Spuren des Arbeitsprozesses im Inneren hindeuten.
Die Oberfläche erhielt einen deckenden Überzug, wurde streifig poliert und ist der sogenannten Red-coated ware zuzuordnen, die als typisch für die troianische Frühbronzezeit zu betrachten ist. Zu beiden Seiten des Gefäßes befinden sich weit ausschwingende Henkel, die ausgehend vom Boden bis kurz unter den Rand reichen. Sowohl die Henkel als auch die Randpartie wurden restauriert, auch sind von der Wandung des Bechers nur Fragmente erhalten; die modernen Ergänzungen sind anhand ihrer dunkelroten Färbung zu erkennen.
Interesse geweckt? Dann unbedingt das Objekt und zahlreiche andere Originale aus Troia in der Jubiläumsausstellung „Troia, Schliemann und Tübingen“ entdecken! Die Vernissage findet am Donnerstag, den 27. Oktober 2022, um 19 Uhr im MUT | Alte Kulturen | Schloss Hohentübingen statt.
Weitere Informationen zur Ausstellung finden Sie hier.
Jeden Monat präsentiert das Museum der Universität Tübingen MUT | Alte Kulturen einen „Schatz" aus der eigenen Sammlung. Die Daueraktion hat das Ziel, bedeutende und besonders interessante Objekte und Artefakte als solche kenntlich zu machen.