Beim Schatz des Monats November 2026 handelt es sich um einen Abschlag des Rückseitenstempels einer Medaille aus der Numismatischen Sammlung des Instituts für Klassische Archäologie der Universität Tübingen.
Mit dem Wintersemester 2026/27 wurde an der Universität Tübingen das Festjahr zum 550-jährigen Bestehen der Universität eingeläutet. Aus diesem Anlass wird für den Monat November ein Objekt aus der Tübinger Münzsammlung des Instituts für Klassische Archäologie präsentiert, welches auf eine ganz besondere Hochschulgeschichte Bezug nimmt.
Bei dem Schatz des Monats November handelt es sich um einen einseitigen Abschlag aus Zinn des Rückseitenstempels einer Medaille mit einem Durchmesser von 71 mm. Das Objekt trägt die Tübinger Inventarnummer VI 458/142 und ist bereits seit dem 19. Jh. im Besitz der Universität Tübingen.
Wir sehen vor einer mit einem schweren Tuch drapierten Wand eine weibliche, geflügelte Gestalt sitzen, welche in der linken Hand eine Münze hält und mit der rechten Hand ihre aus den Münzen gewonnen Erkenntnisse in einen Folianten einträgt. Auf dem Tischchen dahinter liegen noch weitere Münzen. Das Buch wird von einem alten, geflügelten und bärtigen Mann gehalten; in seinem linken Arm hat er eine Sense geklemmt. Die Frau und der Mann sind beide in faltenreich fallende, antikisierende Gewänder gehüllt. Im Hintergrund ist ein hohes Podest zu sehen, auf dem eine antike Öllampe qualmt. Die Buchstaben A. R. W. unter der Frau sind als Signatur des Medailleurs Adam Rudolf Werner aufzulösen. Die umlaufende Legende SUPPLET UBI DEFICIO lässt sich mit „sie (die Numismatik) ergänzt, wo ich versage“ übersetzen und beschreibt die im 18. Jh. der Numismatik zugewiesene Bedeutung als Vermittlerin von Wissen und Erkenntnis. Folglich sind die Frau als Personifikation der Numismatik in Gestalt einer geflügelten Muse und der Mann als Personifikation der Zeit bzw. der Geschichte zu deuten.
Zur Steigerung der Leistungsbereitschaft der Schüler der Hohen Karlsschule initiierte Herzog Carl Eugen von Württemberg ein Auszeichnungssystem, bei dem er jährlich Preismedaillen persönlich überreichte. Zwischen 1772 und 1780 wurden hierfür 44 unterschiedliche Medaillentypen entworfen. Gemeinsam ist allen Medaillen die Darstellung des Herzogs auf der Vorderseite, während die Rückseiten jeweils thematisch auf das jeweilige Schulfach Bezug nehmen. Die Preismedaille unseres Zinnabschlags wurde für besondere Leistungen in der Münzkunde verliehen.
Die Hohe Karlsschule war eine zentrale Bildungsanstalt des späten 18. Jahrhunderts im Herzogtum Württemberg. Sie wurde 1770 von Herzog Carl Eugen in Stuttgart gegründet und hatte das Ziel, gut ausgebildete und dem Staat loyale Beamte, Offiziere und Fachkräfte hervorzubringen. Der Unterricht umfasste neben militärischen Fächern auch Medizin, Recht, Naturwissenschaften, Philosophie und Kunst. Der Alltag der Schüler war streng geregelt: Sie lebten abgeschottet, trugen Uniformen und unterstanden einer harten Disziplin, die wenig persönliche Freiheit zuließ. Trotz dieser autoritären Strukturen galt die Ausbildung als modern und leistungsorientiert und leistete einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung in Württemberg. Ein bekannter Schüler der Hohen Karlsschule war Friedrich Schiller, der dort Medizin studierte und die Erfahrungen von Zwang und Unfreiheit später kritisch verarbeitete.
Das Objekt liegt wohlverwahrt im Depot, allerdings findet man auf der Schautafel gegenüber der dreiteiligen Münzvitrine eine Abbildung des Stücks (dort Abb. 4); ebenso ist das Stück im Digitalen Münzkabinett des Instituts für Klassische Archäologie virtuell zu besichtigen.
Stefan Krmnicek


