Beim Schatz des Monats Mai 2026 handelt es sich um einen Denar des römischen Kaisers Nerva mit einer Darstellung der Fortuna aus der Münzsammlung des Instituts der Klassischen Archäologie der Universität Tübingen.
Oh Fortuna, bring’ mir Glück! Die 1.930 Jahre alte Münze wurde im Jahr 96 n. Chr. in Rom geprägt. Sie ist 3,20 g schwer und misst im Durchmesser 18 mm. Das Stück gelangte im Jahr 1888 als Stiftung von Dr. Karl von Schäffer, dem ehemaligen Direktor der sogenannten Irrenanstalt in Zwiefalten, in den Besitz des Tübinger Instituts für Klassische Archäologie und ist heute mit der Inventarnummer III 665/12 im Museum Alte Kulturen auf Schloss Hohentübingen ausgestellt – in der Münzvitrine ist es die Nummer 34.
Die Vorderseite der Münze zeigt den Kopf von Kaiser Nerva mit Lorbeerkranz nach rechts. Nerva war zum Zeitpunkt der Prägung 66 Jahre alt; für antike Verhältnisse ein hohes Alter – wie man auch den markanten Gesichtszügen des Porträts gut ablesen kann. Die Umschrift lautet: IMP NERVA CAES AVG PM TRP COS II PP. Damit wird in lateinsicher Sprache die kaiserliche Titulatur mit allen Titeln und Ämtern genannt: Imperator, Nerva, Caesar, Augustus, Oberster Priester, Inhaber der tribunizischen Gewalt, Konsul zum zweiten Mal und Inhaber des Ehrentitels Vater des Vaterlandes.
Die Rückseite der Münze zeigt Fortuna, die römische Göttin des Glücks in der Vorderansicht mit Kopf nach links gewandt. Sie hält in der rechten Hand ein Steuerruder, im linken Arm ein Füllhorn. Beides sind die typischen Attribute der Glücksgöttin. Das Füllhorn ist ein Zeichen für den Überfluss, Reichtum und Wohlstand, den Fortuna den Menschen zu schenken vermag; das Steuerruder steht für die Lenkung und positive Beeinflussung des Schicksals durch die Göttin. Die Umschrift auf der Münze lautet: FORTVNA AVGVST. Wir können dafür „Glücksgöttin des Kaisers“ oder „kaiserliche Glücksgöttin“ übersetzen. Egal für welche Variante wir uns entscheiden, es ist klar, wie das Publikum – also die antiken Benutzer und Betrachter der Münze – den Nachrichtengehalt der Münze zu verstehen hatte: Die Götter, und speziell Fortuna, also das Glück, sind dem Kaiser gewogen.
Dank zunehmend genauerer Dokumentation von antiken Fundmünzen konnte in den letzten Jahrzehnten eine Vielzahl an einstigen rituellen Praktiken im Umgang mit Münzen im archäologischen Befund identifiziert werden. In solchen Kontexten fungieren Münzen oft als Symbole oder Stellvertreter anderer Weihobjekte oder bestimmter Votivhandlungen. Charakteristisch für römische Ritualkontexte ist dabei die gezielte Auswahl von Münzen mit signifikanter Bildsprache und/oder Inschrift, durch die den Münzen zusätzliche Bedeutung zugeschrieben wird. 1962 wurde in der Themse im Bereich der südwestlichen Ecke der heutigen City of London ein Schiffswrack entdeckt, welches im 2. Jh. n. Chr. dort gesunken war. Bei den Ausgrabungen fand sich ein As, eine Bronzemünze, des Kaisers Domitian mit der Rückseitendarstellung der Fortuna, die ein Steuerruder hält, im Mastfuß deponiert – also in der hölzernen Konstruktion, in die der Schiffsmast eingelassen wird. Offensichtlich hatten die antiken Schiffszimmerer die Münze wegen der Darstellung der Fortuna als glücksbringenden Talisman im Schiff verbaut – was sich angesichts des Schiffbruchs in der Themse am Ende jedoch als wirkungslos erwies. Hoffen wir, dass zumindest das Stück in Tübingen jemandem Glück gebracht hat!
Der Schatz des Monats Mai ist auch im Digitalen Münzkabinett des Instituts für Klassische Archäologie virtuell zu besichtigen.
Stefan Krmnicek


