Beim Schatz des Monats Juli 2026 handelt es sich um eine Keilschrift-Tontafel mit dem Brief des Niginakia an Qischti-Erra aus der Altorientalischen Sammlung der Universität Tübingen.
Unter der gewaltigen Zahl in Keilschrift niedergeschriebener Texte, die aus dem alten Orient erhalten sind, stellen Briefe in mehrfacher Hinsicht ein besonderes Corpus dar. Anders als Werke der Wissenschaft, der Religion oder der Literatur, die über lange Zeiträume hinweg tradiert und vielfach abgeschrieben wurden, sind Briefe in der Regel Unikate und beziehen sich u.a. auf alltägliche Ereignisse sowie die Lebenssituationen der Korrespondenten. Sie entstammen häufig den Archiven von Palästen oder Tempeln, finden sich aber auch in Privathaushalten. Damit gewähren sie uns einen einzigartigen Einblick in wirtschaftliche Aktivitäten, politisches Taktieren, familiäre sowie freundschaftliche Beziehungen sowie Ausdrucksformen der Umgangssprache.
Der Schatz des Monats Juli ist ein in Keilschrift geschriebener Brief in der Altorientalischen Sammlung (AOST 120). Er datiert in die altbabylonische Zeit, etwa in das 17. Jh., und stammt aus dem Verwaltungsbereich der Stadt Larsa in Südbabylonien. Der Text ist auf der Vorderseite einer sandfarben-ockernen Tontafel festgehalten, deren Maße 10,3 x 5,1 x 2,8 cm betragen. Gegenstand des Briefes ist ein anscheinend zeitloses Anliegen: Es geht um die Beschaffung finanzieller Mittel.
Der Absender Niginakia bittet den Adressaten Qischti-Erra, ihm Geld aus dem Haus des Kaufmanns zu besorgen, einem Ort, an dem man in altbabylonischer Zeit Geld für Handelsunternehmungen entleihen konnte. 20 Schekel (166 gr.) Silber benötigt Niginakia, er gäbe sich aber auch mit der Hälfte zufrieden. In jedem Fall soll Qischti-Erra für ihn nach einem profitablen Geschäft Ausschau halten. Etwaige Zweifel an seiner Kreditwürdigkeit versucht Niginakia direkt zu zerstreuen. Er sei bereits in der Lage gewesen, weit höhere Verbindlichkeiten zu begleichen. Um das Silber von Qischti-Erra zu Niginakia zu bringen, schickt letzterer den Boten Lu-Ninschuburka.
Wie es auch heute üblich ist, enthalten Briefe aus dem alten Orient einen Briefkopf, der Absender und Empfänger benennt, nebst einer einleitenden Grußformel. Der erste Satz richtet sich dabei an denjenigen, den der Empfänger hinzuziehen wird, um sich den Brief vorlesen zu lassen. Die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben ist im 2. Jahrtausend v. Chr. schließlich keine Selbstverständlichkeit.
Der Text lautet in Übersetzung:
Zu Qischti-Erra sprich! Folgendermaßen (sagt) Niginakia: (Der Gott) Schamasch soll Dich gesund erhalten! Nunmehr schicke ich Dir den Lu-Ninschuburka. Besorge mir 166 gr. Silber für mein Geschäft aus dem Haus des Kaufmannes und schicke (es) mir!
Wenn dies Dir nicht zur Verfügung steht, so treibe (wenigstens) 83 gr. Silber auf und schicke (es) mir! Suche für mich ein Geschäft, das profitabel ist, und schicke mir (dann eine entsprechende Vereinbarung)! (Jenes) Silber, das ich Dir (bereits) geschickt habe, wird meine Verbindlichkeit(en) in Höhe von 500 Gramm (Silber) lösen. Wenn Du mir nichts schicken kannst, so siegle mir noch heute mein Schriftstück für mich und schicke (es) mir!
(Für die wissenschaftliche Bearbeitung des Textes siehe Konrad Volk, Profitable Geschäfte!? Aus dem Alltag eines Geschäftsmannes in der altbabylonischen Zeit, in: Anne Wissing et al. (Hrsg.), Die Kunst des Findes. Festschrift zum 65. Geburtstag von Peter Pfälzner, marru 17, Münster 2024, 473–478.).
Joel Fahrbach, B. A.


