Beim Schatz des Monats Januar 2026 handelt es sich um den schlafenden Riesen im Schlosskeller – das älteste Riesenweinfass der Welt.
Im Keller von Schloss Hohentübingen verbirgt sich ein hölzerner Koloss der Superlative: das älteste erhaltene Riesenweinfass der Welt. Es misst rund 6,80 Meter in der Länge und 4,70 Meter in der Höhe und verfügt über ein Volumen von über 85 000 Litern – theoretisch genug für zehntausende Weinflaschen. Herzog Ulrich von Württemberg ließ das Monument in den späten 1540er-Jahren erbauen und im Schlosskeller unter dem Rittersaal aufstellen. Als Baumeister wird der Küfermeister Simon Binder aus Bönnigheim genannt. Der Zweck dieses Riesenfasses war zweifach: Zum einen diente es anfänglich wohl tatsächlich als Wein-Reservoir, auch wenn es nie dauerhaft dichthielt – Legenden um ein einstiges Befüllen mit Wein sind umstritten. Vor allem aber fungierte das Fass als fürstliches Prestigeobjekt und Schaustück der herzoglichen Repräsentation. Kein Wunder also, dass die gewaltigen Ausmaße das Tübinger Riesenfass schnell über die Stadtgrenzen hinaus bekannt machten. In Chroniken und Reisebeschreibungen wurde ein Besuch des Riesenfasses als Sehenswürdigkeit empfohlen, und auf historischen Stadtansichten prangte es als Symbol des fürstlichen Wohlstands und der Trinkfreude jener Zeit. Bereits 1575 fand das „groß Fass auf dem Schloss zu Thübingen“ literarische Erwähnung: Der Autor Johann Fischart, ein ehemaliger Tübinger Student, baute das Fass humorvoll in seine satirische „Geschichtklitterung“ über den trinkfreudigen Riesen Gargantua ein. Seit 2020 ist das Fass auch offiziell als Rekordhalter anerkannt – mit dem Titel „ältestes erhaltenes Riesenweinfass der Welt“ im Guinness-Buch der Rekorde. Damit ist der Tübinger Holzkoloss sogar rund 200 Jahre älter als das berühmte Große Fass im Heidelberger Schloss.
Über die Jahrhunderte pilgerten Neugierige und Feierlustige zum Tübinger Riesenfass. Im Inneren des Fasses hinterließen Besucherinnen und Besucher sowie Studierende zahllose Graffiti und Kreideinschriften – Inschriften aus vier Jahrhunderten, die von so manchem feuchtfröhlichen Fest am und im Fass zeugen. Die Innenwände des Fasses wirken damit wie ein historisches Gästebuch, in dem sich Generationen verewigt haben. Noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein wurde dort ausgelassen gefeiert. In der Blütezeit der Postkartenkultur um 1900 zierte das Fass zudem unzählige Ansichtskarten – ein Indiz für seine einstige Bekanntheit weit über Tübingen hinaus. Zwischenzeitlich allerdings wurde es still um den hölzernen Riesen: Seit vielen Jahren nutzt eine streng geschützte Kolonie der Fledermausart Großes Mausohr den Schlosskeller als Wochenstube zur Aufzucht ihrer Jungen. Bis zu 600 Weibchen (jährlich variierend) hängen in den Sommermonaten tagsüber kopfüber direkt hinter der Kellertür. Die Tiere reagieren äußerst empfindlich auf Lärm, Licht und Erschütterungen – deshalb sind Veranstaltungen in dieser Zeit stark eingeschränkt. Doch seit 2018 darf der fast 500 Jahre alte Fassriese wieder bestaunt werden – zumindest im Winter. Vom 1. November bis zum 15. März ist es im Rahmen von Führungen zugänglich. Eine einmalige Gelegenheit, ein echtes Stück Tübinger Geschichte aus nächster Nähe zu erleben.
Michael La Corte





