Beim Schatz des Monats Februar 2026 handelt es sich um Spinnwirteln und Webgewichte aus der Originalsammlung des Instituts für Klassische Archäologie der Universität Tübingen.
Geschenk der Königlichen Museen Berlin 1902, Sammlung Schliemann; frühe bis späte Bronzezeit; Material: Keramik; Fundort Troia
Schon bei den ersten großen Ausgrabungen in Troia, die Heinrich Schliemann im späten 19. Jahrhundert durchführte, fiel den Forschenden etwas Besonderes auf: In erstaunlich großer Zahl kamen kleine, recht unscheinbare Gegenstände aus Ton oder Stein zum Vorschein – sogenannte Spinnwirtel und Webgewichte. Diese Funde wiederholten sich nicht nur in Schliemanns Grabungen, sondern traten auch in allen späteren archäologischen Untersuchungen konstant auf. Ihre schiere Menge macht deutlich, dass sie für das Alltagsleben im bronzezeitlichen Troia – das etwa zwischen 3000 und 1000 v. Chr. blühte – eine zentrale Rolle spielten.
Spinnwirtel und Webgewichte gehören zu den wichtigsten Geräten der Textilherstellung. Spinnwirtel sind kleine, meist kreisrunde Gewichte mit flachem, konischem oder doppelkonischem Querschnitt, die an einer Spindel aus Knochen oder Holz befestigt wurden. Mit ihrer Hilfe konnten pflanzliche oder tierische Fasern – etwa Flachs oder Wolle – zu Garn verarbeitet werden. Archäobotanische Funde zeigen, dass Flachs in großer Menge angebaut wurde, belegt durch die häufig nachgewiesenen Leinsamen. Dies verdeutlicht, dass die Verarbeitung von Flachs eine grundlegende Basis der Textilproduktion bildete und die Herstellung von Leinen in Troia eine zentrale Stellung einnahm. Der Spinnwirtel verlieh der Spindel Schwung und Stabilität, sodass die Fasern beim Drehen gleichzeitig gezogen und miteinander verdreht werden konnten. Dieser Vorgang erforderte Geschick und Erfahrung, erlaubte jedoch eine erstaunlich präzise Kontrolle über das entstehende Garn.
Dabei spielte das Gewicht der Spinnwirtel eine entscheidende Rolle. Leichtere Exemplare eigneten sich zur Herstellung feiner, dünner Fäden, während schwerere Wirtel für gröberes Garn verwendet wurden. Auch die Art, wie der Spinnwirtel auf der Spindel befestigt war, beeinflusste das Ergebnis. Die große Bandbreite an Formen und Gewichtsklassen, die in Troia gefunden wurde, weist auf eine gezielte Herstellung unterschiedlicher Garn- und Stoffqualitäten hin – von einfachem Leinen für den täglichen Gebrauch bis hin zu feineren Textilien mit erhöhter Wertigkeit.
Webgewichte ergänzten diesen Herstellungsprozess. Sie wurden an senkrechten Webstühlen eingesetzt und sorgten dafür, dass die Kettfäden gespannt blieben. Auch sie treten in Troia in großer Zahl auf und zeigen, dass das Spinnen nur ein Teil eines umfassenden Produktionszyklus war, der bis zum fertigen Stoff reichte.
Besonders aufschlussreich ist die enorme Menge dieser Funde. Spinnwirtel und Webgewichte gehen in Troia in die Zehntausende. Eine solche Zahl lässt sich kaum allein mit gelegentlicher Herstellung für den Eigenbedarf erklären. Vielmehr verweist sie auf eine Textilproduktion im bronzezeitlichen Troia, die in großem Umfang und mit einem gewissen Grad an Spezialisierung betrieben wurde. Leinen war dafür besonders geeignet: Es ist langlebig, vielseitig einsetzbar, gut lager- und transportfähig und lässt sich in standardisierten Qualitäten herstellen. Diese Eigenschaften machen es zu einem idealen Gut für Austausch und Handel.
Vor diesem Hintergrund stellen Textilien – und hier insbesondere Leinen – einen bedeutenden wirtschaftlichen Faktor für Troia dar. Die zahlreichen Spinnwirtel und Webgewichte sind somit weit mehr als beiläufige Alltagsgegenstände. Sie geben Einblick in eine spezialisierte und offenbar gut organisierte Produktion, die einen wesentlichen Beitrag zur wirtschaftlichen und sozialen Bedeutung Troias in der Bronzezeit geleistet hat.
Stephan W. E. Blum



