Beim Schatz des Monats August 2026 handelt es sich um ein Glasfläschchen mit kulinarischer wie politischer Reichweite aus der Originalsammlung der Klassischen Archäologie der Universität Tübingen.
Der Reiz des Objekts liegt nicht zuletzt in seiner Vertrautheit: Das kleine Glasfläschchen in der Tübinger Antikensammlung ahmt so präzise Größe und Gestalt einer getrockneten Dattel nach, dass uns die ferne Lebenswelt der Antike plötzlich ganz nahe ist: Getrocknete Datteln sehen eben schon vor zweitausend Jahren so aus wie heute. An seiner Oberfläche weist das Gefäß nicht nur die charakteristischen Runzeln und Rillen, sondern auch den goldbraunen Bernsteinton der süßen Frucht auf; gekrönt wird es von einer kleinen, vormals verschließbaren Mündung.
Das Fläschchen hat einen verschlungenen Weg hinter sich. Im 19. Jahrhundert bei einem Kunsthändler in Smyrna (heute Izmir) für die Berliner Antikensammlung erworben, gelangte es 1912 im Rahmen einer ungewöhnlichen museumsdiplomatischen Maßnahme von der Spree an den Neckar. Der Stuttgarter Mäzen Ernst von Sieglin hatte 1910 die Keramiksammlung des Archäologen Paul Arndt für Tübingen erworben und die kleine Universitätsstadt damit unvermittelt auf die Landkarte deutscher Antikensammlungen gesetzt – die Rechnung aber ohne den Kustos des Berliner Antiquariums, Robert Zahn gemacht. Dieser reagierte erbost auf den Coup, ersehnte er doch schon lange einige Bestände der Sammlung Arndt für sein Museum. So kam es schließlich zu einem Tausch einiger Tübinger Neuerwerbungen gegen Berliner Antiken. Zu diesen gehört auch unsere Glasdattel; in den Staatlichen Museen hat sich ihre ursprüngliche Inventarkarte, in Tübingen ihr Berliner Inventarschildchen erhalten.
Dattelfläschchen dieser Art waren im 1. Jahrhundert n. Chr. im ganzen Römischen Reich verbreitet; hergestellt wurden sie in den Küstenregionen des Nahen Ostens, wo die Wiege der antiken Glasherstellung lag. Man blies dazu das flüssige Glas in zwei- oder dreiteilige Formen, die ihrerseits von realen Datteln abgenommen waren. Ähnlich wie antike Parfumflakons wurden die Glasdatteln sicher gefüllt verkauft und verhandelt, angesichts ihrer geringen Füllmenge aber wohl kaum mit dem süßen (und in der Antike schon gefürchteten) Dattelwein. Wahrscheinlich ist vielmehr die Verwendung als Behältnis für den sogenannten Dattelhonig; von diesem Sirup berichten bereits der römische Universalgelehrte Plinius und der jüdische Historiker Flavius Josephus, die bezeichnenderweise beide zur Zeit der größten Verbreitung der Dattelfläschchen lebten. Wie deutsche Köchinnen und Konditoren über weite Strecken des 20. Jahrhunderts auf die kleinen Röhrchen mit Zitronen- oder Orangenaroma der Firma Oetker angewiesen waren, so enthielten in der – bekanntlich zuckerlosen – Welt der Antike die gläsernen Früchte der Dattelpalme also wohl ein begehrtes Gut. Dieses Baums Frucht, die von Osten / Roms Haushältern anvertraut, / gab gar süßen Sinn zu kosten, / wie’s den Schlemmenden erbaut.
Alles so wie heute also, unsere Glasdattel als antikes Backaromafläschchen? Solche Parallelen sind gefällig, lassen uns aber auch schnell die ideologischen Aufladungen ausblenden, mit denen auch ein scheinbar schlichtes Objekt daherkommen kann. Für die antike Levante, insbesondere Judäa sind Glas ebenso wie Datteln wichtige Exportprodukte: Im Dattelfläschchen kommt beides zusammen, ähnlich der Verquickung von Tee und Porzellan aus China im Europa der Jahrzehnte um 1700. In Rom wiederum ist die Palme ein traditionelles Siegeszeichen; nach der Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahre 70 symbolisiert sie insbesondere die Eroberung Judäas. Die Verfügung über ihre Frucht entspricht also einem imperialen Selbstverständnis. Folgerichtig begegnet die Dattelpalme sowohl auf Münzen aus Judäa als auch solchen der römischen Reichsprägung – seltener Fall der Verwendung des gleichen Bildzeichens in der Selbstwahrnehmung und der Fremdzuschreibung. Unser Fläschchen hat es also in sich; von den Wirren deutscher Museumsgeschichte führt es über antike Ernährungspraktiken bis zur ganz großen Politik.
Dr. Alexander Heinemann


![Zweigeteiltes Bild, links eine graubraune Karteikarte mit handschriftlicher Inventarnotiz "Mise. Inv. 10562, Fläschchen mit gelbem Glase in Form einer Dattel. Mündung unbeschädigt. Höhe 0,07m. aus S[am?] Smyrna[er?] [?]". Rechts Foto einer gelben Glasflasche in Form einer getrockneten Dattel mit Inventaretiketten um den Hals.](/fileadmin/_processed_/9/d/csm_KLA-Or-2250-mit_Kartei_26a9bc7b7c.jpg)
