Was bedeutet es, Objekten zu begegnen, die ihrem kulturellen Umfeld entrissen wurden und Spuren kolonialer Gewalt in sich tragen? Die Ausstellung „Jenseits der Vitrine“ im Tübinger Museum WeltKulturen lädt dazu ein, über die Glasvitrinen hinauszublicken. Denn ein Objekt ist selten nur ein Ding. Wie ein Spielzeug, das Kindheitserinnerungen weckt, bewahren Objekte die Erfahrungen, die durch sie und um sie herum entstanden sind. In Führungen werden Besucher*innen angeregt, mit den Geschichten, der Kultur und dem Wissen dieser Objekte in Kontakt zu treten.
Die ersten Austellungsstücke sind Shipibo-Keramik aus Peru. Ihre filigranen geometrischen Muster, die Kené, sind weit mehr als Dekoration: Sie spiegeln die für die Shipibo unsichtbaren Dimensionen der Welt wider, aus denen alles hervorgeht – von der Ordnung des Regenwaldes bis hin zu Heilgesängen. Zugleich erzählen sie von Weltverständnis, Identität, außergewöhnlichem handwerklichem Können und der bedeutenden Rolle der Frauen, die diese Keramik seit Generationen herstellen.
Die Reise führt weiter nach Palau, Samoa und auf weitere Pazifikinseln. Dort erzählt der traditionelle Rindenstoff Tapa von kolonialen Eingriffen in lokale Kulturen. Ein traditioneller Rock neben einem nach europäischem Vorbild gefertigten Tapa-Kleid zeigt, wie Missionare Kleidung und kulturelle Ausdrucksformen veränderten. Gleichzeitig wurde Tapa zu einem begehrten Handelsgut, das gegen europäische Textilien getauscht und über weite Teile der Welt verbreitet wurde.
Ethnologische Sammlungen haben oft einen problematischen Ursprung. Kolonialforscher*innen brachten „exotische“ Objekte nach Europa, lösten sie aus ihrem kulturellen Zusammenhang und nutzten sie häufig, um eigene Vorstellungen über andere Kulturen zu stützen. Die Ausstellung greift auch die Frage künstlerischer Anerkennung auf: Masken, Skulpturen und andere Objekte inspirierten europäische Künstler wie Paul Gauguin, Henry Moore und Max Pechstein, während die ursprünglichen Künstlerinnen und die Bedeutungen ihrer Werke weitgehend unsichtbar blieben.
Auch der Ausstellungsort erzählt Geschichte. Die Sammlung befindet sich im ehemaligen Gefängnisturm des Tübinger Schlosses, dem Fünfeckturm, sodass die Objekte heute ironischerweise in früheren Gefängniszellen ausgestellt sind. Gegründet wurde die Sammlung 1919 vom Kolonialforscher Augustin Krämer; 1989 machte Volker Harms sie der Öffentlichkeit zugänglich und setzte damit früh wichtige Impulse für eine dekoloniale Auseinandersetzung.
Die Geschichten dieser Objekte enden jedoch nicht im Museum. Bei den Führungen, die jeden ersten Sonntag im Monat um 14 Uhr stattfinden, werden sie weitererzählt – gemeinsam mit den Besucher*innen.

