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UNESCO

Weltkulturerbe

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UNESCO Weltkulturerbe
Historisches Schwarz-Weiß-Foto des Kleinen Senats der Universität Tübingen mit in Schwarz/Grau nach links verlängerter Fluchtlinie

ACHTUNDDREISSIG DINGE

Schätze aus den natur- und kulturwissenschaftlichen Sammlungen der Universität Tübingen

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ACHTUNDDREISSIG DINGE

Geleitwort des RektorsEinführungExponate 1–15Exponate 16–30Exponate 31–38

Unter dem Titel „38 Dinge – Schätze aus den natur- und kulturwissenschaftlichen Sammlungen der Universität Tübingen“ zeigte die Universität vom 19. Mai bis 28. Mai 2006 Geräte, Präparate und Kunstgegenstände aus den Sammlungen der Universität. Die Ausstellung gab den Anstoß für die Begründung eines Universitätsmuseums. Im Oktober 2006 entstand das Museum der Universität Tübingen MUT.

Die virtuelle Repräsentation – ursprünglich eine Art Preview auf das damals entstehende Universitätsmuseum – ist ein Mosaikfenster in die damals rund zwanzig Sammlungen an den Instituten mit mehr als 100 000 Exponaten. Im Folgenden wird sie zu dokumentarischen Zwecken in die heutige Webseite des Museums der Universität Tübingen MUT eingebunden. Die Texte und Fotografien entsprechen dem Stand von 2006.

Seitdem hat sich die Zahl der Sammlungen vervierfacht. Entdeckungen, Wiederentdeckungen und Neuzugänge haben die Perspektiven auf die Sammlungen und Objekte an der Universität Tübingen noch vielfältiger gemacht.

Geleitwort des Rektors der Universität Tübingen

Die Universität blickt auf eine Geschichte zurück, die über weit mehr als fünf Jahrhunderte reicht. In dieser langen Zeit ist eine große Anzahl an Wertobjekten, Dokumenten und Sammlungsstücken in ihren Besitz gelangt. Die aus diesem Fundus schöpfende Ausstellung trägt den bescheidenen Obertitel „38 Dinge" und den erklärenden Untertitel „Schätze aus den Natur- und Kulturwissenschaftlichen Sammlungen der Universität Tübingen". Zu sehen sind in ihr - die lange Geschichte der Universität dokumentierend - als älteste Objekte die Szepter aus ihrer Gründungszeit, eines davon in das Jahr 1482 zu datieren, und aus dem selben Jahr bereits ein „Päpstliches Privileg für die Medizinische Fakultät zur Vornahme von Sektionen". Den zeitlichen Rahmen der Ausstellung aber markiert ein inzwischen schon zum Museumsobjekt geadeltes „Com-modore-Schreibsystem CBM" aus dem Jahre 1979, das den Beginn des Heimcomputer-Zeitalters anzeigt.

Mit dieser Ausstellung, die zum Internationalen Museumstag 2006 eröffnet wird, möchte die Eberhard-Karls-Universität auch die Sensibilität gegenüber dem eigenen historischen Erbe weiterentwickeln. Dabei wird die Ausstellung als ein erster Schritt in Richtung auf ein Gesamtmuseum, ein „Museum der Universität Tübingen", verstanden, das als zentrale Einrichtung die bisherigen Museumsaktivitäten ergänzen, erweitern und durch regelmäßige Sonderausstellungen noch attraktiver machen soll. Begleitet wird die Ausstellung durch eine Ringvorlesung im Studium Generale, die unter dem Titel „Ein Museum für die Universität" durch interne wie vor allem auch externe Expertise die Konturierung und Qualifizierung des künftigen Gesamtmuseums befördern soll.

Beiden, der Ringvorlesung ebenso wie der Ausstellung „38 Dinge - Schätze aus den Natur- und Kulturwissenschaftlichen Sammlungen der Universität Tübingen", wünsche ich großen Anklang und zahlreiche Besucher aus der Universität und aus der Region.

Professor Dr. Dr. h.c. mult. Eberhard Schaich


Einführung

von Gottfried Korff

Es sind unterschiedliche Dinge, die sich im Mai 2006 im Kleinen Senat für zehn Tage der Betrachtung aussetzen. Ein Emu, ein australischer Laufvogel, steht neben den Zettelkästen Hermann Fischers, in denen die Belege für ein Schwäbisches Ortsnamenlexikon zusammengetragen sind. Das Reagenzglas, in dem der Chemiker Friedrich Miescher in der Küche des Tübinger Schlosses erstmals Untersuchungen an der Nucleinsäure vornahm, macht neben zwei Radierungen von Rembrandt auf sich aufmerksam. Und das Rektorszepter aus der Gründungszeit der Universität sieht sich in einer seltsamen Nachbarschaft mit einem Mosasaurier Platecarpus coryphaeus. In der klassisch museologischen Terminologie sind es Naturalia und Artificialia, die unter dem Titel „38 Dinge" vereint sind. Es ist eine Versammlung von Objekten, die in ihrer Heterogenität, so belehrt uns die Geschichte des akademisch-institutionellen Sammelns, durchaus dem entspricht, was Universitätsmuseen, als sie einst gegründet wurden, wollten - nämlich den „Macrocosmos in Microcosmo" zeigen. Sie waren stets dem Gedanken der ‚universitas' verpflichtet und spiegelten diesen.

„38 Dinge" – der Titel signalisiert, dass der Ausstellung nicht an einem systematisch-repräsentativen Überblick über die Objektbestände der universitären Sammlungen gelegen ist, sondern dass sie - bescheiden wie sie dimensioniert ist - lediglich eine Vorstellung von der Breite, der Absicht und der Ausrichtung der Sammlungen vermitteln helfen will. Ihr geht es darum, zu zeigen, wie, wann und warum die Sammlungen zustande gekommen sind, aber auch, dass Teile von ihnen immer wieder in Vergessenheit geraten, der zeitweiligen Interesselosigkeit und zuweilen auch der Vernichtung anheim gefallen sind. Dennoch: Umfang und Reichtum der Tübinger Sammlungen sind beachtlich. Sie lassen es als sinnvoll erscheinen, das vorgesehene Museum der Universität nicht nur institutionengeschichtlich, sondern vor allem wissens- und wissenschaftsgeschichtlich auszurichten. Mit dem Museum hätte die Universität einen Ort, an dem der Dialog mit ihrer eigenen Geschichte und auch mit unterschiedlichen Partnern aus Wirtschaft und Gesellschaft, Kunst und Kultur geführt werden kann – übrigens auch mit dem Ziel, dem in den letzten Jahren viel diskutierten ‚public understanding of science and humanities' zu dienen.

Rechnet man die Angaben hoch, die die Sammlungsinstitute im Rahmen einer Enquête der Zentralen Verwaltung im Wintersemester 2004/2005 gemacht haben, dann kommt man auf weit über 100 000 Objekte - und dabei sind die aufgespießten Käfer, Gesteinsproben, Münzen etc. nicht einmal einzeln, sondern en bloc gezählt. Die „38 Dinge" sind also weit davon entfernt, die Sammlungsbestände paradigmatisch zu repräsentieren. Hinter den „38 Dingen" verbirgt sich eine Veranstaltung, die vor allem einen Verweischarakter hat. Sie will darauf hinweisen, dass die Universität das „Zeugs" dazu hat, ein Gesamtmuseum zu planen und aufzubauen – ein Museum, in dem der Gedanke der ‚universitas' zur prägenden Leitidee werden kann. Und dies ist vielleicht kein schlechter Gedanke in einer Zeit der fortschreitenden Spezialisierung und zunehmenden Ausdifferenzierung der Wissensproduktion. 
Es geht darum, mit dem neu zugeschnittenen Museum eine Institution zu entwerfen, in der die Idee der Universität als Produzent von Wissen und Deutungen überzeugend veranschaulicht und der Zugang zur Tradition der Universität und zur Geschichte der Wissenschaften als Motor für ihre Entwicklung eröffnet wird. Die Tübinger Universität ist für solch eine Aufgabe in besonderer Weise geeignet – zum einen, weil ihre Sammlungen den Zweiten Weltkrieg weitgehend unbeschadet überstanden haben, zum anderen, weil sie die erste deutsche Universität mit einer modernen naturwissenschaftlichen Fakultät war und deshalb schon früh Dialogkompetenz über Fach- und Fakultätsgrenzen hinweg erlernt hat. Schließlich bieten sich auch ihre Gebäude topographisch und baugeschichtlich als Informationsträger in Bezug auf eine mehr als 500jährige Wissenschaftsgeschichte dar. Dass die „38 Dinge" sich im Kleinen Senat präsentieren und so den Veranstaltungsort selbst zum wissenschaftshistorisch aufschlussreichen Exponat, zum Exponat Nr. 1, machen können, ist ein glücklicher Umstand. Der Kleine Senat bietet fast beispielhaft das Bild dafür, dass Geschichte und Gegenwart der Universität sich gegenseitig bespiegeln.

„38 Dinge" – das Konzept hält sich offen für die große Unterschiedlichkeit der Objekte und Objektarten, die in den universitären Sammlungen aufbewahrt werden. Es steht in einer gewissen - durchaus auch ironischen - Spannung zu den „Schätzen", von denen der Untertitel spricht. Der Begriff Schatz taucht dort mit einem leichten Augenzwinkern auf, denn der gilt nicht nur den Szeptern, den Münzfunden, den päpstlichen Urkunden, also den Dingen mit hohem Versicherungswert, sondern auch den selbstgebastelten Mikroskopen, Reagenzgläsern und Zettelkästen – also Dingen mit hohem „Wissenswert".

Die „38 Dinge" bieten keine Parade der Hochwertigkeit, sondern eine Anordnung von Objekten, die auskunftsfähig sind und ihren Wert und ihre Bedeutung in unterschiedlichen Zeigeordnungen evident machen. So ist die Ausstellung durchaus schatzbildend. Sie wertet bisher vernachlässigte Objekte auf. Nicht ohne Grund sind deshalb die Objekte aus den unbekannten, verborgenen und wilden Sammlungen der Universität stärker vertreten als die der wohlbekannten und etablierten Einrichtungen, wie dem Schlossmuseum oder der paläontologischen Schausammlung. Diese bilden zwar die bewährten Eckpfeiler der Tübinger Museumsplanungen, bieten Maß und Orientierung für die zukünftigen Überlegungen, werden aber ergänzt, erweitert und bereichert durch all die Sammlungen, die bisher vor allem einen internen Wert für die jeweiligen Institute und Labore hatten.

Allerdings ist es nicht allein die Ausstellung im Kleinen Senat, die den Planungen für ein Museum der Universität Stoff und Richtung geben soll. Auch im Rahmen einer Ringvorlesung im Studium Generale des Sommersemesters 2006 werden Probleme und Perspektiven der neuen Einrichtung aufgerufen und erörtert. Dabei sind die Interessen und Intentionen der großen „Schatzkammern" ebenso berücksichtigt wie die der verborgenen, aber in der Lehre durchaus effizienten kleinen und auch heimlichen Sammlungen.

Die Universität denkt über die Konzeption und Erweiterung ihrer musealen Präsentationen in einer Zeit nach, in der sie erstens auf Probleme einer immensen Beschleunigung des wissenschaftlichen Fortschritts und zweitens auf die verstärkt vorgetragenen Forderungen nach einer Ausweitung der Wissenskommunikation reagieren muss. Beschleunigung des Erkenntnisfortschritts bedeutet rasche Veraltung, Veraltung bedeutet Reliktanfall, der, wenn er in produktiver Form erschlossen wird, das Deponieren verlangt – dies übrigens auch, wie uns die neuere Wissenschaftsforschung lehrt, im Zeichen der digitalen Speichermedien. Es scheint, als finde gerade in der Gegenwart die Materialität der Forschung, also die „Epistemik der Dinge", wie das bei Hans-Jörg Rheinberger heißt, eine gesteigerte Aufmerksamkeit. Damit zusammen hängt der in der Öffentlichkeit immer lauter werdende Ruf nach neuen Strategien der Wissenskommunikation. Auch diese greift ebenfalls wieder vermehrt auf die Konkretheit der Anschauung, auf die Chancen einer über das „Zeigen" gewonnenen Erkenntnis zurück. Jedenfalls war dies eine der Überlegungen, die im Rahmen der Programme für die Wissenspopularisierung angestellt worden sind. Dabei hat insbesondere ‚public understanding of science' intensiv auf expositorische Versuchsanordnungen gesetzt, wie sie Museen und Ausstellungen zu bieten imstande sind. Und gerade in Baden-Württemberg wurde vor nicht langer Zeit empfohlen, über intelligente „Transfereinrichtungen" neben den Universitäten Wissens- und Innovationsimpulse in die Gesellschaft zu vermitteln. Auch da wird dem Museum als einer Institution, die trotz ihres Bewahrungsauftrags immer auch eine beachtliche Dynamik in puncto ‚public understanding' entfaltet hat, hoher Rang zugemessen.

Die Gestaltung der Ausstellung „38 Dinge" folgt einer klassisch museologischen Ordnung, in die ebenfalls das Schema von Deponieren und Exponieren eingetragen ist. Zwei Glaskuben mit Regalinstallationen stehen für das Deponieren, und ein Tisch, auf dem Kleinvitrinen mit Schaustücken aufmontiert sind, steht für das Exponieren – das gelehrsame Ausbreiten der Dinge, um diese dem „langen Blick" darzubieten. Dabei ist der Tisch übrigens selbst ein aufschlussreiches Exponat: Er gehört zu der mit innenarchitektonischer Ambition geplanten Erstausstattung des Kleinen Senats, wurde dann aber irgendwann entsorgt, zersägt und ins Abseits gestellt. Als Exponat Nr. 2 kommt er in der Reihe der „38 Dinge" wieder „zu Ansehen". Er belegt – quasi wie beiläufig – das Schicksal nicht weniger Objekte der universitären Sammlungen. Er zeigt, wie das Wechselspiel von Deponieren und Exponieren zur aktiven Wiederaneignung des Vergessenen und Verlorenen beitragen kann. Denn die „38 Dinge" haben neben ihrer Funktion, den Reichtum und die Vielfalt der Universitätssammlungen in der Öffentlichkeit vorzuführen und solcherart die Konturen eines künftigen Museums der Universität erkennbar zu machen, die nicht unwichtige und nicht geringfügige Aufgabe, universitätsintern Sensibilität und Aufmerksamkeit für das eigene historische Erbe zu wecken und zu erweitern.


Die Exponate

1–1516–3031–38
  • Nr. 1
  • Nr. 2
  • Nr. 3
  • Nr. 4
  • Nr. 5
  • Nr. 6
  • Nr. 7
  • Nr. 8
  • Nr. 9
  • Nr. 10
  • Nr. 11
  • Nr. 12
  • Nr. 13
  • Nr. 14
  • Nr. 15
Schwarz-Weiß-Fotografie des Kleinen Senats der Universität Tübingen mit Fluchtpunkt in der rechten Bildhäfte, dem der lange Senatstisch folgt
Fotografie des Kleinen Senats aus dem Jahre 1932. Historische Aufnahme von Regierungsbaumeister Fels. (Reproduktion: Wolfgang Gerber) Architekt: Hans Daiber; 1931 fertiggestellt; 14,90 x 6,70 m (Länge x Breite)

Nr. 1

Kleiner Senatssaal – Raum und Repräsentation

Hans Daiber (1880-1969), Oberbaurat der Bauabteilung des Württembergischen Finanzministeriums, hatte als Architekt sein Handwerk bei Theodor Fischer an der Technischen Hochschule Stuttgart erlernt. Daiber schuf die qualitätvollen Entwürfe für die Erweiterung und Neugestaltung der spätklassizistischen Neuen Aula von Gottlob Georg Barth (1777-1848), die in den Jahren zwischen 1928 (Grundsteinlegung) und 1931 realisiert wurden und die noch heute das großzügig wirkende Bauwerk prägen.

Nach Verlegung des alten Festsaals und Veränderung der Raumdispositionen wurden die Räume des Großen Senats und des Kleinen Senats sowie die angrenzenden Räume in ihrer heutigen Erscheinungsweise neu konzipiert. Der Innenausbau ist durch sorgfältige Auswahl der Baumaterialien und durch ein fein ausbalanciertes Stilempfinden gekennzeichnet, das durchaus funktionale Momente im Geiste der Zeit berücksichtigt: den Kleinen Senat charakterisiert ein Parkettboden und eine streng gegliederte Stuckdecke, die die – ursprünglich aus der Schweiz stammenden und in Stuttgart ansässigen – Stukkateure Jacob und Emil Brüllmann schufen. Die hier abgebildete Fotografie aus dem Jahre 1932 zeigt die Inneneinrichtung des Saals ein Jahr nach Eröffnung der Neuen Aula. Aus dieser Zeit stammt auch der Senatstisch mit den Stühlen, der für die Ausstellung hier wieder aufgestellt wurde. Die älteren klassizistischen Möbel sowie die drei Kronleuchter übernahm die Universität Tübingen vom Krongut Ludwigsburg in den Jahren 1932 und 1933. Z

um Ausstattungsplan dieser Zeit gehört auch die Hängung von Portraits Tübinger Professoren. Dabei war ursprünglich für die Professorengalerie insgesamt eine Aufteilung der Gemälde nach Fakultäten gewählt worden. Später entschied man sich, im Kontext der Gemäldeanordnung im Kleinen Senat, hier die Bildnisse der Universitätskanzler zu präsentieren. Als gleichberechtigter „Ausreißer“ ist das Portrait der Biologin Prof. Evamarie Sander zu betrachten, das im Jahre 2005 – als Stiftung ihrer Schüler – in die prominente Kanzlergalerie Eingang fand. Sie war die erste Professorin in den Tübinger Naturwissenschaften.

Zum Kleinen Senat gehörten in den 1930er Jahren Rektor, Kanzler, Prorektor, die Dekane der damaligen sechs Fakultäten, der Universitätsrat sowie vier vom Großen Senat aus der Zahl der planmäßigen Professoren auf drei Jahre gewählte Mitglieder und ein Privatdozent. Im Großen Senat waren alle ordentlichen Professoren vertreten (Verfassung der Universität Tübingen, 5. 10. 1912, § 27).

Anette Michels


- Hipp, H. (1974): Beschreibung des Landkreises Tübingen (Gebäude). Manuskript (Bibliothek Kunsthistorisches Institut). Tübingen : 170-72.
- Universitätsarchiv Tübingen, UAT S 33/3: Nr. 12 [Aufnahmen des Neubaues der Universität Tübingen von Regierungsbaumeister Fels, Degerloch, 1932].
- Universitätsarchiv Tübingen, UAT 117/1771 [Ankauf der Möbel und der Kronleuchter aus dem Krongut Ludwigsburg].

Farbfoto eines langen Tisches mit stark abgerundeten Kanten in einem leeren Raum mit weißen Wänden und hellem Parkett
Entwurf von Hans Daiber? 1931 Füße und Streben: Eiche. Platte: Kiefernholz, mit Leder bezogen. Fußteil: furniertes Holz mit grünlichem Linoleum, lackiert 5,6 x 1,5 m (Tischplatte) Herkunft unbekannt Akademisches Auslandsamt der Universität Tübingen

Nr. 2

Sitzungstisch für den Kleinen Senat – Form und Funktion

Der elegante Sitzungstisch zeichnet sich durch einen dreiteiligen Aufbau aus. Auf der getreppten Bodenplatte, die im unteren Bereich zum Schutz einen lackierten Linoleumstreifen eingelassen hat, erheben sich in strenger Reihung vier mittig angelegte Stützen mit volutenförmig ein- und ausschwingenden Streben. Darauf ruht der oval gerundete Rahmen der Tischplatte, der die lederbezogene Platte aufgenommen hat.

Der Tisch wurde nach der Erweiterung der Neuen Aula im Jahre 1931 für den Kleinen Senatssaal angeschafft. In diesem Jahr wird er jedenfalls im Inventarverzeichnis der Neuen Aula aufgeführt. Ursprünglich hatte der Tisch noch größere Ausmaße und muss insgesamt ca. 10 m lang gewesen sein. Bisher ließen sich keine Hinweise finden, ob der Architekt der Neuen Aula, Oberbaurat Hans Daiber (1880-1969), den Entwurf für das Möbel geliefert hat. Jedenfalls war der Tisch seit seiner Anschaffung im Jahre 1931 für das Senatszimmer bestimmt, wie wir auch einer Fotografie von 1932 des damaligen Regierungsbaumeisters Fels entnehmen können (vgl. Kat. Nr. 1). Stilistisch könnte Hans Daiber der Schöpfer des eindrucksvollen, harmonisch gestalteten Möbels gewesen sein. Es zeigt späte Anklänge an die Formensprache des Art Déco, die partiell auch die Architektursprache der Neuen Aula prägt.

Die historische Aufnahme des Kleinen Senatssaales lässt im Ablauf der Stuhlreihen zwei erhöhte Rückenlehnen deutlich werden (vgl. Kat. Nr. 1). Dabei handelte es sich wohl um die Sitzplätze des damaligen Rektors und des Kanzlers der Universität. Während die Stühle – als Teil der Erstausstattung von 1931 – noch heute im Kleinen Senat in Benutzung sind, traf den Tisch ein wechselvolles Schicksal: dieses Möbel wurde nämlich nicht nur um fast die Hälfte seiner ursprünglichen Länge wesentlich gekürzt, sondern es verschwand auch aus dem Ort seiner ursprünglichen Bestimmung und wurde erst im Zusammenhang der Ausstellungsvorbereitung wiederentdeckt. Daran lässt sich nicht zuletzt die gewandelte Nutzung des Raumes ablesen, der nun nicht mehr für Senatssitzungen, sondern für verschiedenartige, repräsentative Anlässe und Sitzungen zur Verfügung steht, die offensichtlich eine flexible Möblierung notwendig machten.

Anette Michels


- Klaiber, C. (1935): Das neue Universitätsgebäude in Tübingen. Zentralblatt der Bauverwaltung (vereinigt mit der Zeitschrift für Bauwesen) 55, Heft 26 (26. Juni 1935) : 485-91 [Abb. S. 490].
- Universitätsarchiv Tübingen, UAT 117/1770 [Inventar der Neuen Aula], UAT S 33/3 [Aufnahmen des Neubaus der Universität Tübingen von Regierungsbaumeister Fels].

Milchigweißes Glasmodell einer Qualle vor schwarzem Hintergrund
Physophora magnifica Leopold und Rudolf Blaschka, Dresden; um 1885; Lampenarbeit / Glasmodell; 32 x 13 x 13 cm; Zoologische Sammlung, Universität Tübingen (Foto: Peter Neumann, Ammerbuch)

Nr. 3

Physophora magnifica – Zwischen Kunst und Wissenschaft

Die Staatsqualle Physophora magnifica zählt zu den beeindruckendsten der 32 Glasmodelle aus der Werkstatt Blaschka, die um 1885 von Professor Theodor Eimer für die Zoologische Sammlung der Universität Tübingen angekauft wurden. Studenten konnten daran das Prinzip und den Bau von solchen frei auf der Hochsee schwimmenden Kolonien aus medusen- und polypenförmigen Einzeltieren begreifen. Staatsquallen tragen ihren Namen, weil die Einzeltiere zeitlebens miteinander verbunden sind und sich die zur Erhaltung der Kolonie nötigen Aufgaben wie Fortpflanzung, Ernährung und Verteidigung teilen.

Leopold Blaschka (1822-1895) und sein Sohn Rudolf (1857-1939) waren exzellente Glasbläser und Schmuckhersteller in böhmischer Tradition, aber auch ehrgeizige Amateurzoologen. Die zu ihrer Zeit zahlreichen neuen Funde und Erkenntnisse auf den Gebieten der zoologischen Systematik, Stammesentwicklung und Embryologie bedurften der wissenschaftlichen Darstellung. Vor diesem Hintergrund fertigten die Blaschkas zwischen 1863 und 1890 Tausende akribisch naturgetreue und kunstvolle Glasmodelle von wirbellosen Tieren an und verkauften sie an Museen und Universitätssammlungen weltweit.

Dabei waren die Publikationen führender Zoologen des 19. Jh. bei der Modellgestaltung die wichtigste Quelle. So standen die Blaschkas auch mit dem deutschen Naturforscher und Darwinisten Ernst Haeckel in Kontakt. Die Physophora wurde anhand von Haeckels Beschreibungen und Zeichnungen entwickelt (vgl. Abb. 2) und erstmals 1878 als Glasmodell angeboten.

Da marine Wirbellose in Alkohol konserviert schnell Form und Farbe verlieren und sich nicht ausstopfen lassen, lösten die Blaschkas mit ihren lebensechten Glastieren auf elegante Weise ein Problem, vor dem im 19. Jh. zahlreiche Kuratoren und Wissenschaftler standen. Kein anderes Material wird der natürlichen Anmutung und Transparenz dieser Lebewesen so gerecht wie Glas, geformt in höchster handwerklicher Perfektion und wissenschaftlicher Genauigkeit. Zwar hat man bis heute keine besseren Konservierungsmethoden für solche Meerestiere gefunden, aber Unterwasserfotografien und -filme sowie Exkursionen machen die Glasmodelle für die Lehre entbehrlich.

Mögen diese Modelle ursprünglich vor allem der wissenschaftlichen Anschauung gedient haben, so rückt heute wohl immer stärker ihr ästhetischer und kulturhistorischer Wert in den Vordergrund. Die Zoologieinstitute und Museen, in denen sich bis heute einige Blaschka-Modelle erhalten haben, werden sich der Verantwortung für dieses wertvolle Kultur- und Wissenschaftserbe zunehmend bewusst. Die Zahl der Modelle weltweit ist überschaubar: in Deutschland existieren nur noch gut 100 solcher Glastiere – und 32 davon stehen in der Zoologischen Sammlung der Universität Tübingen.

Meike Niepelt


- Haeckel, E. (1869): Zur Entwicklung der Siphonophore. Berlin. (Die vorliegende Reproduktion der Tafel wurde freundlicherweise vom Institut für Biologie 1 (Zoologie) der Universität Freiburg zur Verfügung gestellt).
- Reiling, H. (1998): The Blaschkas’ Glass Animal Models: Origins of Design. Journal of Glass Studies 40 : 105-26.
- Wiegmann, K. / Niepelt, M. (Hrsg., 2006): Kunstformen des Meeres. Zoologische Glasmodelle von Leopold und Rudolf Blaschka 1863-1890. Tübingen.

Auf metallgrauem Untergrund gehäufte Münzen in Silbergrau
Antike Münzen Kleinasiens, 6. Jh. v. Chr. - 3. Jh. n. Chr.; 5 - 35 mm (Durchmesser der Münzen); Schenkung eines privaten Sammlers aus dem Rheinland im Jahr 2005; Numismatische Arbeitsstelle des Instituts für Klassische Archäologie, Schloss Hohentübingen) (Foto: Thomas Zachmann)

Nr. 4

Kleinasiatische Münzen aus Elektron, Silber und Bronze – Mutterland des Münzgeldes

Im Jahre 2005 bekam die Numismatische Arbeitsstelle des Instituts für Klassische Archäologie eine Sammlung von beinahe 750 antiken Münzen Kleinasiens geschenkt (s. Wolters 2005). Die Münzen, die von einem privaten Sammler aus dem Rheinland gemeinsam mit seiner Ehefrau über mehrere Jahrzehnte sorgfältig zusammengeführt wurden, bieten einen hervorragenden Überblick zur antiken Münz- und Geldgeschichte Kleinasiens. In dieser Region sind nicht nur am Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr. überhaupt die ersten Objekte in Münzform aufgekommen, sondern aufgrund einer durchgehend regen Prägetätigkeit spiegeln sich in den Münzbildern und Nominalen dieses „Mutterlandes des Münzgeldes“ auch die wesentlichen politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen der Antike über annähernd ein Jahrtausend in seltener Dichte und Anschaulichkeit.

Münzen aus Elektron, Silber und Bronze dokumentieren verschiedene Metalle und Nominale, regional sind Reichs- und Städteprägungen vom Schwarzen Meer bis hinunter nach Kilikien vertreten. Den Beginn bilden die ersten als Münzen ansprechbaren Prägungen, die aus noch ungeschiedenem Gold und Silber – dem sogenannten Elektron – bestehen und nur eine Bildseite aufweisen. Schwerpunkte sind die autonomen Prägungen der Städte Kleinasiens in spätarchaischer und klassischer Zeit, die hellenistischen Reichsprägungen Alexanders d. Gr. und seiner Nachfolger, schließlich die unter römischer Hoheit ausgeprägten Cistophoren bzw. zahlreichen lokalen Bronzen. Deren Ausprägung wurde als Kleingeld von dem ansonsten zentralistisch auf Rom zugeschnittenen Römischen Kaiserreich geduldet. In den kleinasiatischen Städten erlebte ihre Herstellung aufgrund der weit zurückreichenden Prägetraditionen eine ganz besondere Blüte: Die Städte nutzten in den selbst gewählten Bildmotiven die Gelegenheit, sowohl dem Herrscher und dem Herrscherhaus ihre Referenz zu erweisen, als auch Selbstbewusstsein und kommunalen Stolz werbend zu verbreiten.

Die Bedeutung der Schenkung liegt einerseits darin, dass sie den antiken Schwerpunkt innerhalb der Münzsammlung des Archäologischen Instituts, als eine der auch international bedeutendsten Universitätsmünzsammlungen, ausbaut. Auf der anderen Seite stärkt der regionale Zuschnitt der Schenkung aber auch den traditionellen kleinasiatischen Forschungsschwerpunkt innerhalb der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität, für den z. B. der langjährige und äußerst erfolgreiche Sonderforschungsbereich „Tübinger Atlas des Vorderen Orients (TAVO)“ oder auch das Graduiertenkolleg „Anatolien und seine Nachbarn: Kulturelle Wechselwirkungen und Zivilisationsentwicklung vom Neolithikum bis in die römische Kaiserzeit“ stehen.

Reinhard Wolters


- Mannsperger, D. (1981 ff.): Sylloge Nummorum Graecorum Deutschland: Münzsammlung der Universität Tübingen. Katalog der griechischen Münzen, bislang 6 Bände. Berlin / München.
- Wolters, R. (2005): Kleinasiens Münz- und Geldgeschichte. Attempto 19 : 32.

Scan eines Graphit-Portraits mit den Betrachtenden über die linke Schulter hinweg anguckendem jungen Herren
Rembrandt Harmensz. van Rijn; um 1630; Radierung (II. Zustand); 6,7 x 5,6 cm; Vermächtnis des Tübinger Kreisgerichtsrates Freiherr Otto von Breitschwert, 1910; Graphische Sammlung am Kunsthistorischen Institut, Universität Tübingen (Foto: Eva Parth)

Nr. 5

Selbstbildnis mit gerunzelter Stirn – Rembrandt selbst

Im malerischen und druckgraphischen Werk Rembrandts finden sich zahlreiche Selbstbildnisse des holländischen Künstlers. Das kleinformatige Blatt entstand in der Frühzeit um 1630, zu Beginn der Amsterdamer Schaffenszeit. In dieser Phase fertigte Rembrandt mehrere Druckgraphiken, die Zeugnis geben von einem intensiven Studium der Physiognomie und der Affekte. Frontal, mit entschlossenem, fast grimmigen Ausdruck zeigt sich der Künstler dem Betrachter im Brustporträt vor knappem, neutralem Grund. Die Physiognomie ist durch fein modellierte Bewegungen mit gerunzelter Stirn und zusammengezogenen Brauen charakterisiert. Der auf einen Punkt ausgerichtete feste Blick kontrastiert das fast schulterlange, offene lockige Haar. Zusätzlich verdichtet die stark schattierte Gesichtshälfte den Ausdruck, der durch die fein bewegte Strichführung der Radiertechnik erzeugt wird. In der zeitgenössischen Kunsttheorie galt zugleich die Wiedergabe komödiantenhafter Grimassen als besondere künstlerische Qualität des „poetischen Geistes“ des Malers (Raupp 1984).

Das Selbstbildnis ist in vier Druckzuständen bekannt, wobei das Tübinger Exemplar den zweiten Zustand dokumentiert, nachdem Rembrandt die Druckplatte verkleinert hatte. Das mehrfache Überarbeiten der Platten ist typisch für die direkte Arbeitsweise des Künstlers. Vorzeichnungen zur Radierung sind nicht bekannt.

Rembrandt war bereits bei seinen Zeitgenossen berühmt für die malerische Anwendung der Radierung und ihrer graphischen Auslotung des Hell-Dunkel, für die es in der Druckgraphik keine Vorbilder gab. Über den Vertrieb und die Auflagenhöhe der Blätter ist fast nichts überliefert. 
Seine Druckgraphiken waren bereits bei seinem Tod in allen wichtigen europäischen Sammlungen vertreten. 
Das Tübinger Exemplar gelangte über die testamentarische Stiftung des Kreisgerichtsrates Freiherr Otto von Breitschwert (1829-1910) in die Graphiksammlung des Kunsthistorischen Instituts. Aus Quellen wissen wir, dass dieser Sammler das Blatt – mit weiteren Werken des Künstlers – im Jahre 1894 bei dem Stuttgarter Kunsthändler Schlesinger erworben hat. Auf der Rückseite der Radierung findet sich die Wertschätzung eines Vorbesitzers des Blattes, der dieses handschriftlich als „sehr selten“ – „très rare“ bezeichnet. Künstlerbildnisse stellen einen Schwerpunkt im Bestand der Graphischen Sammlung des Kunsthistorischen Instituts dar. Dieser Bereich wurde in den letzten Jahren bis in die Klassische Moderne ausgebaut (Sammlung Rieth) und ergänzt die praxisorientierte Ausbildung von Studierenden der Kunstgeschichte auf ideale Weise. Im Studiensaal der Graphischen Sammlung können darüber hinaus Interessierten anhand der Vorlage von Originalen, zu regelmäßigen Öffnungszeiten, Einblicke in die Sammlung gewährt werden.

Anette Michels


- Bevers, H. / Schatborn, P. / Welzel, B. (1991): Rembrandt. Der Meister und seine Werkstatt. Zeichnungen und Radierungen. Ausstellungskatalog Berlin / Amsterdam / London. München : Kat. Nr. 2. 
- Raupp, H.-J. (1984): Untersuchungen zu Künstlerbildnis und Künstlerdarstellung in den Niederlanden im 17. Jahrhundert. Hildesheim / Zürich / New York : 175-81. 
- Universitätsarchiv Tübingen, UAT 175/6 [testamentarische Stiftung des Kreisgerichtsrates Freiherr Otto von Breitschwert].
- White, C. (1969): Rembrandt as an etcher. Vol. 2. London : 108. 
- White, C. / Boon, K. G. (1969): Hollstein‘s Dutch and Flemish Etchings, Engravings and Woodcuts 1450-1700. Vol. XVIII. Amsterdam : B 10/II.

Scan eines Blatts mit Graphitskizzen, mehrere Portraits
Rembrandt Harmensz. van Rijn; signiert und datiert:„Rembrandt f. / 1636“; Radierung (einziger Druckzustand); 15,0 x 12,4 cm; Vermächtnis des Tübinger Kreisgerichtsrates Freiherr Otto von Breitschwert, 1910; Graphische Sammlung am Kunsthistorischen Institut, Universität Tübingen

Nr. 6

Skizzenblatt mit Saskia und fünf anderen Frauenköpfen – Rembrandts Frauen

Im Unterschied zum malerischen Oeuvre Rembrandts (1606-1669), das eher der Historiendarstellung verpflichtet war, formulierte der Künstler in der Druckgraphik im Laufe seines Lebens eine breite Themenvielfalt. In unübertroffener Technik des graphischen Ausdrucks werden in den Druckgraphiken Historien, Portraits, Darstellungen des bäuerlichen, ländlichen Lebens, Stilleben oder Landschaften künstlerisch zukunftsweisend behandelt.

In der Geschichte der Druckgraphik stellen die radierten Skizzen Rembrandts eine Besonderheit dar, zu einem Zeitpunkt als die Technik des Kupferstichs wesentlich höher rangierte.

Wie in einem Skizzenbuch vereinigt die im Jahre 1636 entstandene Radierung die zentrale Darstellung Saskia van Uylenburghs – der Frau Rembrandts – mit fünf weiteren weiblichen Köpfen in dichter Zusammenstellung. Die lockere Strichführung charakterisiert subtil verdichtende Einzelheiten der Physiognomien bei gleichzeitiger unterschiedlicher Behandlung im Grad der Ausführung: Stark ausgearbeitete Köpfe mit dichten Strichlagen sind vorhanden wie auch grob skizzierte Partien von Kopfbedeckungen und Haartracht. Auch sind verschiedene Posen und Blickrichtungen bei den in unterschiedlichen Lebensaltern dargestellten Frauen auszumachen.

Im Verhältnis zum neutralen Grund ergibt sich übergeordnet ein Spiel mit Form und Raum – etwa im offengelassenen Kontur des mittig plazierten Profilkopfes der unteren Bildhälfte – Gestaltungsprinzipien, die zuvor im Medium der Druckgraphik eher unbekannt waren. Gleichzeitig stellt dieses radierte Skizzenblatt ein vollendetes abgeschlossenes Werk dar, denn der Künstler hat das Blatt an prominenter Stelle deutlich signiert und datiert. Diese Art von Skizzen fertigte Rembrandt häufiger. Dabei war nicht so sehr das Porträthafte der Figuren wichtig, als vielmehr der unfertige, künstlerische Charakter der radierten Studien, die bereits zu Lebzeiten Rembrandts begehrte Sammlerstücke waren und deren Wirkung noch heute fasziniert.

Die Herkunft des Blattes als testamentarische Stiftung des Freiherrn Otto von Breitschwert (1829- 1910) zeugt gleichzeitig von der lange andauernden Wertschätzung Rembrandts, dessen Werk besonders seit dem 18. Jahrhundert auch bei einem bürgerlichen Publikum beliebt war und das häufig von Künstlern kopiert wurde. Teilweise bemängelten jedoch auch Vertreter der Kunstakademien das angeblich Fehlerhafte seiner Zeichnung, da – ihrer Auffassung nach – hier die mangelnde Schulung an der Antike besonders sichtbar würde. Zu Ende des 19. Jahrhunderts entdeckten dagegen beispielsweise die englischen Malerradierer wie Francis Seymour Haden oder James Whistler die faszinierende graphische Arbeitsweise Rembrandts auf neue Weise.

Anette Michels


- Baudis, H. / Röder, K. (1995): Rembrandt fecit. Ausstellungskatalog Schwerin. Schwerin : Kat. Nr. 160.
- Lloyd Williams, J. (2001): Rembrandt’s women. Ausstellungskatalog Edinburgh / London. München : Kat. Nr. 62.
- White, C. / Boon, K. G. (1969): Hollstein‘s Dutch and Flemish Etchings, Engravings and Woodcuts 1450-1700. Vol. XVIII. Amsterdam : B 365.

Nr. 7

Briefwechsel zwischen Felix Genzmer und Albert Einstein – Eine kleine Bemerkung zur Relativitätstheorie

Der offenbar noch nicht publizierte „Briefwechsel“ beschränkt sich auf Genzmers anderthalbseitige Typoskript-Kopie vom 18. Januar 1920 und die Originalpostkarte von Einsteins Antwort vier Tage später, eingeklebt in die 4. Auflage von Einsteins gemeinverständlichem Büchlein „Über die spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie“, Braunschweig 1919, mit der handschriftlichen Vorblatt-Widmung: „Dem Physikalischen Institut zur freundlichen Erinnerung überreicht / Felix Genzmer 13. 4. 1954“ (vgl. Transkriptionen der beiden Texte auf S. 92).

Genzmer (1878-1959) war kein Naturwissenschaftler, sondern Jurist und Altgermanist: Ordinarius für Öffentliches Recht in Rostock (1920), Marburg (1922) und Tübingen (1934-45). Seine Übertragung der Edda (2 Bände, Sammlung Thule, Jena 1914, 1920) konnte sich seinerzeit als „die treueste, die es gibt“, Geltung verschaffen (Frankfurter Zeitung).

In dem Brief, den Genzmer als „eine kleine Bemerkung zur allgemeinen Relativitätstheori(e)“ Einstein zu unterbreiten sich erlaubt, ist gleich eingangs von (Werner) Blochs „Einführung in die Relativitätstheorie“ (2. Auflage, Leipzig/Berlin: 95-7) die Rede, einem Bändchen, dessen Manuskript zur 1. Aufl., wie Bloch im Vorwort angibt, Einstein selber vorgelegen hat.

Ausgangspunkt für Genzmer ist „das Problem des im Weltraum rotierenden Körpers, das bei Wegdenkung aller übrigen Massen zu dem bekannten Zwiespalt führt“, der Einstein gegenüber selbstverständlich kaum angedeutet zu werden braucht. Dabei geht es um die Diskrepanz zwischen Newton und Ernst Mach, wobei Newton die Verformung einer Kugel zum Ellipsoid als Charakteristikum für ihre Eigenrotation gegenüber dem Universum wertet, unabhängig davon, ob dieser „absolute“ Raum leer ist oder ferne Massen enthält, wohingegen die Rotation des Universums um die Kugel herum in keinem Fall deren Abplattung zur Folge haben soll, während es für Mach entscheidend auf das Vorhandensein äußerer Massen und eine relative Drehung von Kugel und Universum zueinander ankommt. In einem leeren Universum lässt sich nicht feststellen, ob die Kugel rotiert. Und da andererseits zur experimentellen Überprüfung der Abplattung eine Rotation genügend massereicher Riesenschwungräder um eine in ihrer Mitte ruhenden Kugel praktisch nicht realisiert werden kann, bringt nun Genzmer aus seiner Sicht vielleicht weiterhelfende mögliche Beziehungen zwischen den galaktischen Polen und der Lagerung planetarer Drehachsen ins Spiel. Einstein bleibt da freilich nichts anderes übrig, als mit ausgesuchter Höflichkeit auf die Raumisotropie in der Umgebung jedes Punktes hinzuweisen.

Friedemann Rex

Maschinenbeschriebener Briefbogen mit handschriftlicher Anmerkung über der Anrede
Vorderseite des Briefes von Genzmer an Einstein, 18. Januar 1920.
Querformatige Postkarte, altersverfärbt, beschrieben mit blauer Tinte und unterschrieben mit schwarzer Tinte
Postkarte mit Antwort von Einstein, 22. Januar 1920. 18. Januar bzw. 22. Januar 1920; Typoskript-Kopie und Originalpostkarte, eingeklebt in die 4. Aufl. von Einsteins gemeinverständlichem Büchlein „Über die spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie“ (Braunschweig 1919); 27,9 x 20,8 cm (Brief Genzmer), 8,9 x 14,2 cm (Postkarte Einstein); Schenkung F. Genzmer, 1954; wiederaufgefunden 2003 von Alfons Renz nach einem diesbezüglichen Hinweis von Hermann Schmidt;

Nr. 8

Objekte aus dem Nachlass Joseph Gärtners – Gärtners Früchte und Pflanzen

Aus dem Nachlass Joseph Gärtners stammt dieses Handmikroskop, das dessen Enkelin dem Tübinger Pflanzenphysiologen Hugo v. Mohl 1860 vermachte. Konstruiert wurde dieses sog. Screw-Barrel Mikroskop vom Niederländer Nicolaas Hartsoeker, der 1704-1717 als Erster Mathematicus in Heidelberg lehrte. Bis ins 20. Jahrhundert wurden solche Geräte fast unverändert als Trichinen- oder Taschenmikroskope angeboten.

Bei einem solchen „Einfachen Mikroskop“ wird das Objekt mittels einer stark vergrößernden Linse ohne Zwischenvergrößerung betrachtet. Der Vorteil: das Bild ist seitenrichtig; der Nachteil: die Objektivlinse ist winzig und muss sehr nahe an Präparat und Auge gebracht werden. Ein Brennglas am Ende des Tubus konzentriert das Licht auf das Präparat, das zwischen zwei Glasplättchen in den Vertiefungen des Objektschiebers fixiert ist. Ein solcher Schieber aus Bein kann 5 Präparate aufnehmen. Zur Fokussierung schraubt man den hinteren Teil in den vorderen Tubus und bringt so die Präparate in den Fokus der Objektivlinse. Ob es dieses Gerät war, mit dem Gärtner durch übermäßiges Mikroskopieren die Augen so sehr schädigte, dass er für zwei Jahre fast erblindete? Wohl kaum, denn dazu ist es zu einfach konstruiert und wohl eher nur als Salonmikroskop zur Augenbelustigung benutzt worden. Darauf verweisen auch die beiden auf den Objektschiebern erhaltenen Präparate: Ein fein gefiedertes Blatt und ein Floh, dessen Jagd im Barock zum ergötzlichen Zeitvertreib in Salons zählte.

Die „Sammlung Gärtner“ umfasst heute ca. 600 meist in Deckelgläsern aufbewahrte Früchte und Samen. Zusammengetragen hat sie überwiegend Joseph Gärtner (1732-1791), der 1763 in Tübingen zum Dr. med. promoviert wurde. 1767 folgte er einem Ruf als Professor für Botanik an die Akademie in St. Petersburg, kehrte aber bereits 1770 in seine Geburtsstadt Calw zurück. Bis zu seinem Tod widmete er sich dort dem Studium von Früchten und Samen, die im Vergleich zu den Blüten sehr vernachlässigt worden waren. Heimische Arten suchte er selbst, Objekte aus den Tropen erhielt er von vielen Seiten, u. a. von Sir Joseph Banks (1743-1820), Teilnehmer von 1768-71 an Cooks erster Weltumseglung, oder von dem Botaniker Karl Peter Thunberg (1743-1822), der Südafrika, Java und Japan bereist hatte.

Unter dem Titel „De fructibus et seminibus plantarum“ erschienen 1788 und 1791 die beiden Bände dieser ersten umfassenden Darstellung von Früchten und Samen. Den Supplementband eingeschlossen – er wurde zwischen 1805 und 1807 von seinem Sohn Carl Friedrich (1772-1850) beendet, dem später sehr bedeutenden Vererbungsforscher – werden sie von 1650 Pflanzen aus aller Welt vorbildlich beschrieben und mit unübertroffener Detailtreue auf 225 Tafeln abgebildet. Viele Arten tragen bis heute den von Joseph oder C. F. Gärtner festgelegten wissenschaftlichen Namen. Nicht wenige Typusexemplare, die diesen Benennungen zugrunde liegen, finden sich in der Tübinger Sammlung und dienen als unersetzliche Belege der internationalen Forschung.

Klaus Dobat, Alfons Renz


- Dobat, K. (1984): Berühmte Tübinger Botaniker zwischen 1535 und 1850. Bausteine zur Tübinger Universitätsgeschichte Folge 2, Reihe 1, Heft 9 : 7-47.
- Graepel, P. H. (1992): Joseph Gärtner (1732-1791) und Carl Friedrich von Gärtner (1772-1850). Zwei namhafte Botaniker der Blüten- und Früchtekunde. In: Albrecht, H. (Hrsg.): Schwäbische Forscher und Gelehrte. Lebensbilder aus sechs Jahrhunderten. Leinfelden-Echterdingen : 59-66.
- Hartsoeker, N. (1694): Essay de dioptrique. Paris.
- Schmitz, E.-H. (1989): Handbuch zur Geschichte der Optik. Ergänzungsband II Teil A: Das Mikroskop. Bonn

Geöffnetes Kästchen mit verschiedenen Vertiefungen für Linsen und ein längliches Handmikroskop, in das sie eingesetzt werden
Einfaches Handmikroskop mit Kästchen; wahrscheinlich süddeutsch; 18. Jh.; Horn, Bein, Messing und Glas; Mikroskop: Vergrößerung ca. 20- bis 100-fach, 5 Objektiv-Linsenfassungen (4 Linsen sind erhalten); 7 x 4 x 4 cm (Mikroskop); 5 x 20 x 12,5 cm (Kästchen); aus dem Nachlass Prof. Joseph Gärtners in Calw, der durch Schenkung über die Enkelin 1860 in den Besitz des Botanischen Instituts (Prof. Hugo von Mohl) kam; Sammlung historischer Mikroskope am Botanischen Institut, Universität Tübingen
In hohem, schmalen Glaszylinder eingelegte Sammelfrucht mit aufgequollener Oberfläche; oben eine händische Beschriftung auf weißem Etikett
Sammelfrucht der in den USA beheimateten Immergrünen oder Großblütigen Magnolie (Magnolia grandiflora L.), Familie: Magnoliengewächse (Magnoliaceae); 10 x 5 x 5 cm (Frucht); auf dem handschriftlichen Etikett von J. Gärtner ist kein Fundort vermerkt; kam 1860 aus dem Nachlass von Gärtners Sohn Carl Friedrich durch Schenkung an das Botanische Institut; Herbarium Tubingense, Botanisches Institut der Universität Tübingen
Buchseite mit schwarz-weiß abgedruckten Umzeichnungen von Samen und Samenhülsen, angeordnet in einem Raster
Darstellung der Magnolia aus dem Buch Gärtners, „De fructibus et seminibus plantarum“;1788 (Band 1); 25,3 x 42,3 cm (aufgeklappt); Universitätsbibliothek Tübingen, Signatur: Bi 13.4° -1

Nr. 9

Desoxyribonukleinsäure-Präparat („DNA“) – Eine Entdeckung im Tübinger Schlosslabor

Die heutige Zeit wird wesentlich durch die molekularen Biowissenschaften geprägt. Diese und, als eine ihrer Anwendungen, die Gentechnik haben die Beherrschung der (Bio-) Chemie der Nucleinsäuren als unabdingbare Grundlage. Die Stoffklasse der Nucleinsäuren, ein Hauptbestandteil aller lebenden Zellen, war bis 1868 unbekannt.

Die Tübinger Universität kann sich rühmen, Anfang des 19. Jahrhunderts als weltweit erste für das Fach Biochemie (Physiologische Chemie) eine eigenständige ordentliche Professur eingerichtet zu haben. Diese war zuerst in der ehem. Küche des Schlosses Hohentübingen untergebracht („Schlosslabor“), bevor sie dann in die Gmelinstraße zog.

Insbesondere unter Felix Hoppe-Seyler (1825-1895) erlebte das junge Fach eine erste Blüte. Er war von 1861 bis 1872 Professor für Physiologische Chemie in Tübingen und als solcher, wie seine Nachfolger bis 1969, Mitglied sowohl der Medizinischen als auch der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät. Unter seiner Anleitung forschten im Tübinger Schlosslabor viele „Nachwuchswissenschaftler“ aus ganz Europa, unter ihnen, von Herbst 1868 bis Herbst 1869, der junge Doktor der Medizin aus Basel Friedrich Miescher (1844-1895). 
Sein Forschungsthema war die chemische Zusammensetzung der Eiterzellen. Miescher reinigte erstmals die Kerne dieser Zellen und fand darin einen „neuen Körper sui generis, mit keiner bis jetzt bekannten Gruppe vergleichbar“, den er „Nuclein“ nannte (Miescher 1871). Seiner Zeit um mehr als 70 Jahre voraus formulierte er (ebd.): „...Die Erkenntnis der Beziehungen zwischen Kernstoffen, Eiweißstoffen und ihren nächsten Umsatzprodukten wird allmälig den Vorhang lüften helfen, der die innern Vorgänge des Zellwachsthums noch so gänzlich verhüllt...“. 
Von Tübingen nach Basel zurückgekehrt, beschäftigte er sich weiter mit dem Nuclein, welches er u. a. aus dem dort wohlfeilen Lachssperma isolierte (ausgestelltes Präparat). 
Auch in Tübingen wurde in der Folgezeit Nuclein aus weiteren Quellen isoliert (Hefe, Weizenkleie u. a.). Obwohl Miescher seine Hypothese über die biologische Funktion des Nucleins zunächst hartnäckig verfocht (Miescher 1874), konnte er sich damit nicht durchsetzen. Dies änderte sich erst 1944, als Experimente mit Pneumokokken von Avery in New York DNA, sowie Experimente mit Tabakmosaikviren von Schramm in Tübingen RNA als Träger von Erbinformation eindeutig identifizierten. Das Interesse an den Nucleinsäuren wurde von da an riesengroß. 1953 lieferte der Vorschlag der Doppelhelix-Struktur der DNA durch Watson und Crick mit dem darin enthaltenen Prinzip der Basenpaarung zwischen komplementären Nucleinsäure-Strängen eine chemische Erklärung für die wichtigsten biologischen Funktionen der Nucleinsäuren und läutete damit das Zeitalter der Molekularbiologie ein. Harnsäure (erste 5 Präparate im Holzständer) als Abbau- und Ausscheidungsform von Purin-Basen (Bestandteil der Nucleinsäuren) war im Tübinger Schlosslabor schon vorher ein „alter Bekannter“, ohne dass man etwas über diesen Zusammenhang wusste.

Hans Probst


- Miescher, F. (1871): Über die chemische Zusammensetzung der
Eiterzellen. Hoppe-Seyler‘s medicinisch-chemische Untersuchungen
4 : 441-60.
- Miescher, F. (1874): Die Spermatozoen einiger Wirbeltiere.
Verhandlungen der Naturforschenden Gesellschaft in Basel 6 :
138-208.
- Watson, J. D. / Crick, F. H. C. (1953): A Structure for Deoxyribose
Nucleic Acid. Nature 171 : 737-8.

Weißer Holzständer in Wandregalform mit lotrechten Trennhölzern für einzelne Reagenzgläser mit Proben-Rückständen
Vor 1865; fünf Harnsäurepräparate als Abbau- und Ausscheidungsform von Purin-Basen (Bestandteil der Nucleinsäuren) sowie fünf Kreatinpräparate und ein Harnstoffpräparat (von links nach rechts); 20 x 30 x 11 cm (Holzständer); aus der Präparatesammlung des Tübinger Physiologisch- Chemischen Instituts in der Gmelinstraße (Nachfolge-Institut des Tübinger Schlosslabors); Interfakultäres Institut für Biochemie, Universität Tübingen
Auf grauem Untergrund liegendes Glasröhrchen mit weißen, festgesetzten Rückständen und oben angesetzter handschriftlicher Beschriftung auf weißem Etikett
Friedrich Miescher, Basel; ca. 1869/70; Original-Beschriftung des Exponats (wahrscheinlich durch F. Miescher selbst): „Nuclein aus Lachssperma, F. Miescher“; durch Korken verschlossenes Reagensglas mit ca. 1 g „Nuclein“-Pulver vorwiegend aus Lachs-DNA, die in ihrer Nucleotidsequenz (Abfolge der Bausteine) die Erbinformation Basler Lachse um 1870 trägt; 7,0 x 1,5 x 1,5 cm; aus der Präparatesammlung des Tübinger Physiologisch- Chemischen Instituts in der Gmelinstraße; Interfakultäres Institut für Biochemie, Universität Tübingen)

Nr. 10

Mikroskop mit „Eisenack'scher Konservendose“ – Fotomikroskop Marke Eigenbau

Alfred Eisenack (1891–1982), Chemiker und Mikropaläontologe, hat dreißig Jahre am Institut für Geologie und Paläontologie in Tübingen geforscht und gelehrt. Seine hauptsächlichen Studienobjekte waren Kleinlebewesen mit Skeletten aus organischem Material, die er aus Sedimentgesteinen herausätzte.

Eisenack hatte ein besonderes Interesse am Paläozoikum des baltischen Raumes. Er untersuchte Graptolithen, Chitinozoen, Anneliden, einzellige Algen und mancherlei Gruppen aus anstehendem Gestein und Eiszeit-Geschieben. Später widmete er sich vorwiegend den Dinoflagellaten (einzelligen planktonischen Algen) des Mesozoikums und des Tertiärs. Eisenack entdeckte dabei die tertiäre Wetzeliella- und die Deflandrea-Gruppe; beide finden heute als Datierungshilfen weltweit Anwendung. Fast sprichwörtlich waren die einfachen Mittel und Geräte, mit denen er sein Material untersuchte und dokumentierte. 
Die „Eisenack´sche Konservendose“, auf ein Mikroskop aufgesetzt, lieferte fotografische Aufnahmen von hohem internationalen Standard, die seine mehr als 150 Arbeiten illustrieren. Vorstufen der hier ausgestellten Geräte-Kombination wurden von ihm schon in den 1920er-Jahren verwendet. Das Prinzip war immer dasselbe: Stets benutzte er Mikroskope mit geradem, senkrechtem Tubus, ohne zwischengeschaltete Prismen. In Höhe des Okulars wurde eine tellerartige Scheibe angebracht, auf die er eine einfache Konservendose setzte. Die Unterseite der Dose war ganz geöffnet; die Deckfläche, welche der späteren Filmebene entsprach, erhielt ein rechteckiges Fenster. Das Scharfstellen des zu fotografierenden Objektes erfolgte durch die Mikrometerschraube mit Hilfe einer Klapplupe („Fadenzähler“), welche quer über das Fenster gestellt wurde. Nach dem Scharfstellen konnte eine Platten- oder Planfilmkassette über die Öffnung gelegt und belichtet werden. In späteren Jahren hat Eisenack das System verfeinert: Nach dem Scharfstellen wurde die Konservendose gegen eine zweite, kürzere Dose mit aufgelegtem Kameragehäuse ausgewechselt, wobei die Filmebene genau der Einstellebene der ersten Dose entsprach. Ein erneutes Fokussieren war nicht notwendig, der Film konnte direkt belichtet und weitergedreht werden.

Dieses System ähnelt der nach dem Zweiten Weltkrieg im Handel erhältlichen „Mikrobox“ der Kosmos- Lehrmittelabteilung, wo ebenfalls ein Einstellgerät gegen ein Aufnahmegerät ausgetauscht wurde. Zum Beleuchten diente Eisenack eine einfache Glühbirne, deren Licht über den Planspiegel des Mikroskops zum Objektiv geführt wurde. Der Abstand zwischen Lampe und Spiegel wurde konstant gehalten; die Belichtungszeit, je nach der verwendeten Mikroskopoptik empirisch ermittelt, zählte jeweils mehrere Sekunden. Belichtet wurde nach der Taschenuhr und mit Hilfe des Drahtauslösers am Kameraverschluss.

Hans Gocht, Rahman Ashraf


- Eisenack, A. (Hrsg., 1964-76): Katalog der fossilen Dinoflagellaten, Hystrichosphären und verwandten Mikrofossilien. Bände I-VI in insgesamt 12 Lieferungen. Stuttgart.
- Gocht, H. (1982): Das wissenschaftliche Werk von Alfred Eisenack. Neues Jahrb. Geol. Paläont. Monatsh. : H. 11.

Mikroskop mit konservendosen-förmigem Aufbau oben, aus angelaufenen Metallteilen
„Eisenack'sche Konservendose“ - Mikroskop Alfred Eisenack; um 1930; diverse Materialien; 42 x 22 x 28 cm (Mikroskop), 9,3 x 8,5 x 8,5 cm (Konservendose); Vitrine im Dachgeschoss des Instituts für Geowissenschaften, Universität Tübingen
Schwarz-weiß-Fotografie eines sitzenden Herren mit verschränkten Händen im Dreiviertelprofil, links im Bild steht vor ihm auf einem Tisch das Mikroskop
Der Meister mit seinem „Eisenack´sche Konservendose“-Mikroskop bei der Arbeit.

Nr. 11

Päpstliches Privileg für die medizinische Fakultät zur Vornahme von Sektionen – Rechtssicherheit für den anatomischen Unterricht

Ausgehend von Italien wurde seit dem 13. Jahrhundert die Sektion menschlicher Leichname zunehmend in den anatomischen Unterricht der Universitäten einbezogen. So war in Tübingen nach den Statuten der Medizinischen Fakultät – ihre älteste überlieferte Fassung stammt von 1497 – alle drei oder vier Jahre eine Sektion vorzunehmen. Dem stand jedoch die Bulle „Detestandae feritatis” Papst Bonifaz‘ VIII. aus dem Jahr 1299 entgegen, die als Verbot der Lehrsektion interpretiert wurde. Die Tübinger Mediziner haben sich daher schon bald nach Gründung der Universität um einen päpstlichen Dispens bemüht, um die rechtlichen Voraussetzungen für eine zeitgemäße Lehre zu schaffen. Es war kein Geringerer als Graf Eberhard im Bart (1445–1496), der sich der Sache persönlich annahm, als er im Frühjahr 1482 mit großem Gefolge in Rom weilte. Bei der Audienz, die Sixtus IV. (1414-1484) dem Grafen am 28. März gewährte, dürfte neben wichtigen vermögensrechtlichen Angelegenheiten der Universität auch das Anliegen der Mediziner zur Sprache gekommen sein, und als Eberhard am 16. April die Heimreise antrat, hatte er die gewünschte Genehmigung im Gepäck.

Die Urkunde vom 2. April 1482, mit der Großpönitentiar Kardinalbischof Giuliano della Rovere (1443–1513) die Erlaubnis erteilte, die Leichname Hingerichteter zu anatomischen Sektionen zu verwenden, ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert: Es handelt sich um die einzige Papsturkunde in den Beständen des Universitätsarchivs, das älteste der wenigen erhaltenen Schriftstücke aus den Anfangsjahren der Medizinischen Fakultät, den einzigen bekannten Dispens dieser Art für eine Universität im Reich und nicht zuletzt um ein Dokument der Medizin- und Kulturgeschichte überhaupt .Erstmals 1778 im Göttinger „Magazin vor Aerzte” publiziert, wird sie seither in der Literatur immer wieder erwähnt, freilich oft ohne Kenntnis des Wortlauts und ungenau als „Bulle” bezeichnet, mit der Sixtus IV. die allgemeine Unsicherheit hinsichtlich der Sektion beseitigt habe.

Kunsthistoriker weisen darauf hin, dass ohne die freiere Haltung, die hier zum Ausdruck komme, künstlerische Spitzenleistungen wie die eines Michelangelo, der selbst anatomische Studien getrieben hat, nicht vorstellbar seien. Derselbe Giuliano della Rovere, der 1482 als Großpönitentiar für Tübingen urkundete, erteilte 1508, nachdem er im Jahr 1503 als Julius II. den Stuhl Petri eingenommen hatte, Michelangelo den Auftrag für das Deckengemälde der Sixtinischen Kapelle. Eine ganz andere Frage ist es, wie häufig die Tübinger Mediziner von dem ihnen erteilten Privileg tatsächlich Gebrauch machten. Dazu schweigen die Quellen.

Johannes Michael Wischnath


- Kretschmer, J. (Red., o. J. [1974]): Die Sammlungen der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Tübingen : 20-21. [Dort S. 21 die hier auf S. 93 wiedergegebene Übersetzung von Gerhard Fichtner].
- Schmugge, L. (1989): Leichen für Heidelberg und Tübingen. In: Schwab, D. / Mikat, P. (1989): Staat, Kirche, Wissenschaft in einer pluralistischen Gesellschaft. Festschrift zum 65. Geburtstag von Paul Mikat. Berlin : 411-8. [Dort S. 418 die hier auf S. 93 wiedergegebene Transkription des lateinischen Originals].
- Schultz, B. (1986): A Fifteenth-Century Papal Brief on Human Dissection. Medical Heritage Jan./Feb. : 50-6.

Schwarz-weiß-Fotografie eines querformatigen Pergaments mit einer darunter an einer Hanfschnur befestigtem Wachssiegel, das die Gottesmutter auf einem Thron sitzend zeigt
Großpönitentiar Giuliano della Rovere, Kardinalbischof von Sabina; 2. April 1482; Ausfertigung, Pergament; Schreiberunterschrift auf dem umgefalteten Teil der Urkunde, Taxvermerk darunter. An Hanfschnur angehängtes rotes, spitzovales Wachssiegel (restauriert), im Siegelfeld thronende Gottesmutter mit dem Christuskind in gotischer Architektur, darunter Schild mit gekreuzten Schlüsseln und Tiara, Siegelumschrift (beschädigt): [S]IGILLUM OFFICII SACRE PENITENCIARI[E] [...]; 18 x 44 cm (ohne Siegel); Universitätsarchiv Tübingen, UAT AS 20 /7a: Nr. 1

Nr. 12

Elektrostatischer Potentialmultiplikator nach Albert Einstein – Einsteins Maschinchen

Einsteins Idee zu seinem „Maschinchen“, wie er es selber immer wieder liebevoll nennen wird, womit „Spannungsdifferenzen von der Größenordnung eines halben Millivolt“ durch Kombination eines Luftkondensators aus beweglichen ineinander geschobenen Plattensystemen mit einem Multiplikator der Messung zugänglich gemacht werden sollen, zeichnet sich bereits im Dezember 1906 klar erkennbar ab (Ann. Phys. 22, 1907: 569-72). Noch vor Publikation eines schematischen Konstruktionsentwurfs für einen derartigen Messapparat (Phys. Z. 9, 1908: 216-7) teilt Einstein seinen Freunden Conrad und Paul Habicht am 15. Juli 1907 so ganz nebenbei mit, „er habe noch eine neue Methode zur Messung sehr kleiner Energiemengen gefunden“. 
Die historisch nicht völlig neue Methode, worauf Einstein freilich nicht einzugehen braucht, besteht im Wesentlichen in der Verstärkung einer sehr kleinen Anfangsspannung mittels elektrostatischer Induktion und elektrometrischer Messung der Endspannung. In nur wenigen Wochen hatten die „Habichte“ einen ersten Prototyp dieses elektrostatischen Influenz- Maschinchens zustande gebracht, der allerdings noch mit mancherlei Mängeln behaftet war, deren völlige Beseitigung letzten Endes nicht hundertprozentig gelungen ist. Gleichwohl konnten die Gebrüder Habicht auf sanftes Drängen von Einstein knapp drei Jahre nach der Erstausführung ein deutlich verbessertes 6-stufiges Gerät unter dem obigen Titel vorstellen, gegliedert in die drei Abschnitte Konstruktion, Versuche, Resultate (Habicht & Habicht 1910). Die erfolgreiche Funktionsfähigkeit des Apparats wurde vom Hersteller und Fabrikanten Paul Habicht am 15. Dez. 1911 der Berliner Physikalischen Gesellschaft unmittelbar vor Augen geführt, und das Tübinger Exemplar ist eine Erwerbung des damaligen Institutsdirektors Fritz Paschen (um 1920), die nicht zuletzt Einsteins Arbeit über den Photoeffekt bestätigen sollte.

Zu den Figuren 1 (Vertikalansicht) und 2 (Horizontalschnitt der 2. Stufe) hier nur das Allerwichtigste (s. Abb. 2): Die ruhenden Metallblättchen Erreger E und Abnehmer A sind über die Isolatoren J auf den an den Säulen B befestigten Metallplatten D fixiert. Mit der Welle C verbinden sich über die Isolatoren R die rotierenden Metallblättchen F. Dreht sich nun C, so berühren die F abwechselnd die Erdungskontakte H und die Abnehmerkontakte K derart, dass im Moment vollständiger Umhüllung von F durch E und A alle Kontakte unterbrochen werden. Im weiteren Verlauf wächst letztlich das Primärpotential von E über F nach A um einen konstanten Übersetzungsfaktor der 1. Stufe. Und da das A jeder Stufe mit dem E der nächsten durch die Spindel L leitend verbunden ist, kommen weitere Faktoren hinzu. An jedem der 6 Anschlüsse U lässt sich nun mit dem Stöpsel S das Sekundärpotential des jeweiligen A abnehmen und durch entsprechende Division das gesuchte Grundpotential ausrechnen. Spannungsumfang: von Millivolt bis Kilovolt.

Friedemann Rex


- Einstein, A. (1989): The Collected Papers of Albert Einstein. Vol. 2. Princeton : 221-2, 343-5, 395-7, 489-92.
- Einstein, A. (1993): The Collected Papers of Albert Einstein. Vol. 5. Princeton : 51-5, 701-2.
- Habicht, C. / Habicht P. (1910): Elektrostatischer Potentialmultiplikator nach A. Einstein. Physikalische Zeitschrift 11 : 532-5.

Metallener Apparat mit zentralem schwarzem Kessel
Elektrostatischer Potentialmultiplikator nach A. Einstein.
Schwarz-weißes Schema mit Horizontalschnitt des Apparats mit zentralem Kessel
Vertikalansicht und Horizontalschnitt der 2. Stufe.
Metallschild mit silbernem Rahmen und silbern-erhabener Schrift "Paul Habicht, Schaffhausen, Shcweiz, Potential-Multiplikator" und technischen Nummerierungen auf schwarzem Hintergrund
Originalschild des Potentialmultiplikators: Paul Habicht, Schaffhausen. Conrad und Paul Habicht, Schaffhausen; um 1910/11; diverse Materialien; 32,5 x 19 x 22 cm (mit Holzsockel); erworben von Fritz Paschen um 1920; Physikalisches Institut, Universität Tübingen

Nr. 13

Mikroskop No. 1 – Hervorragende Optik, preiswerte Konstruktion

Not macht erfinderisch. Davon profitierten eine ganze Reihe heute vergessener Hersteller von Mikroskopen in Deutschland zur Mitte des vorletzten Jahrhunderts. Nicht die mechanische Qualität ihrer Instrumente – da waren die großen und unerschwinglich teuren Luxusmikroskope aus England weit überlegen –, aber ihre hervorragende Optik bei preiswerter Konstruktion und die Beschränkung aufs Wesentliche machten die deutschen Mikroskope damals so beliebt. Charles Louis Bénèche und sein Teilhaber Rudolf Wasserlein betrieben zwischen ca. 1850 und 1860 eine gemeinsame Produktion von Mikroskopen in Berlin.

Spät, erst im Jahr 1803, soll das erste Mikroskop durch Schenkung des Barons von Palm aus Kirchheim unter Teck an die Universität gekommen sein (s. Eimer 1889). Tatsächlich verweisen ältere Inventare zwar durchaus auf Flohgläser und diverse „microscopica“, aber offenbar dienten diese allenfalls zur Augenbelustigung oder zur Demonstration optischer Gesetze. Die forschende Medizin, unter der sich damals noch die Zoologie, Zootomie und Anatomie vereinigten, richtete erst gegen Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Blick auf die Anatomie der Organe und die Pathologie der Zelle.

Der Erwerb dieses Mikroskops – laut Institut-Etats zwischen 1852 und 1856 – fällt zeitlich in die Trennung von Zoologie und Anatomie, wobei letztere 1835 ihr neues Domizil am Österberg bezog, während die Zoologie 1846 in die nun freigewordene Alte Aula kam. Die Inventarnummer „1“, der Wert des damals größten Stativs der Firma Bénèche & Wasserlein sowie der Zeitpunkt der Anschaffung lassen einen Zusammenhang mit der Einrichtung des anatomischen Extraordinariats vermuten, das 1855 für Hubert Luschka (1820–1875) eingerichtet wurde, nachdem dieser den Lehrstuhl schon ab 1852 vertreten hatte.

In diese Zeit (1853/4) fällt auch die Dissertation des Luschka-Schülers Wilhelm Kieser aus Tübingen, der sich mit dem „Steinkind von Leinzell“ beschäftigte, einem damals schon historischen Präparat eines Lithopaedions (vgl. Kat. Nr. 15). Kieser schreibt: „Unter dem Microscop schossen aus der heissen alkoholischen Lösung [der talgartigen Masse, welche sich statt der Muskeln und des Unterhautbindegewebes im Steinkind vorfand] feine büschelförmig gruppirte Nadeln an, eine Krystallform, welche … der Margarinsäure zukommt“ (Kieser 1854:45). Es ist möglich, dass besagtes Mikroskop bei der Untersuchung dieses anatomisch-pathologischen Präparats zum Einsatz kam.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Mikroskop von Ernst Ruska, dem Erfinder des Elektronenmikroskops und Nobelpreisträger, erworben und kam aus dessen Nachlass 2006 durch Schenkung aus Berlin wieder zurück an die Universität.

Alfons Renz


- Eimer, T. (1889): Das Zoologische Institut. In: Festgabe zum Fünfundzwanzigjährigen Regierungsjubiläum seiner Majestät des Königs Karl von Württemberg. In Ehrfurcht dargebracht von der Universität Tübingen. Tübingen : 35-44. - Kieser, W. (1854): Das Steinkind von Leinzell. Dissertation Tübingen. Stuttgart.
- Mörike, K. D. (1984): Hundertfünfzig Jahre Anatomie auf dem Österberg. Tübinger Blätter 71 : 74-9.
- Staatsarchiv Ludwigsburg, StAL E 226/192: Bände 631-4 [Institut- Etats von 1852-56].

Massives, stahlgraues Mikroskop mit u-förmiger Standbasis
Mikroskop No. 1 aus der Anatomie, um 1852-56. Charles Louis Bénèche und Rudolf Wasserlein, Berlin; um 1852-56; signiert: „Bénèche & Wasserlein Berlin“, mit Aufschrift: „Anat. Anst. Tübingen No. 1“; Messing; 33 x 11,5 x 13 cm; Schenkung aus dem Nachlass von Professor Ernst Ruska, Berlin, 2006; Anatomisches Institut, Universität Tübingen
Detailaufnahme der Metalloberfläche mit eingearbeiteter Signatur "Bénèche & Wasserlein Berlin"
Signatur: „Bénèche & Wasserlein Berlin"
Metalloberfläche mit eingebrannter Aufschrift in Kursivschrift "Anat. Anst. No. 1"
Aufschrift: „Anat. Anst. Tübingen No. 1“.

Nr. 14

Herbarexemplare – Alte Herbarien in der Forschung heute

Das Gewöhnliche Bitterkraut stellt eine äußerst variable Art dar, die in zahlreichen und noch längst nicht klar voneinander abgegrenzten Formen, Sippen oder Unterarten von Europa bis nach Ostasien verbreitet ist. Ihr lateinischer Artname hieracioides deutet die Ähnlichkeit mit den verwandten Habichtskräutern der Gattung Hieracium an, die dem Systematiker noch größere Probleme bereitet (vgl. Gottschlich 1996). Für jede wissenschaftliche Vergleichsuntersuchung oder monographische Bearbeitung sind daher umfassende Herbarstudien unverzichtbar. Herkünfte unterschiedlicher Standorte und mit breiter geographischer Streuung sind dabei sehr hilfreich. Alte, genau etikettierte Sammlungen können aber auch ganz andere Fragen beantworten, wie z. B. den Rückgang oder gar das Aussterben einst häufiger Pflanzen, die Zuwanderung und Ausbreitung ausländischer Arten etc.

Oft lassen sich von Herbarexemplaren auch historisch interessante Aspekte oder „Querverbindungen“ ableiten. So gehört die 1793 von dem Ellwanger Medizinalrat Frölich (1766–1841) in Wien gesammelte Pflanze (Nr. 012512) mit zu den ältesten der rund 500’000 Belege im Tübinger Herbarium. Doch der begeisterte Botaniker war nicht nur in Österreich tätig, sondern vor allem in Ostwürttemberg, wo ihm zahlreiche Erstnachweise von Sporen- wie von Blütenpflanzen gelangen (vgl. Wolf 2004). Frölich verband bereits während seines Studiums in Ingolstadt, Erlangen und Wien die Medizin mit der Botanik. Seine medizinische (!) Doktorarbeit „De Gentiana dissertatio…“ („Über die Enziane…“) in Erlangen 1796 machte ihn international ebenso bekannt wie etwa seine Publikationen über die Korbblütler- Gattungen Crepis (Pippau) und Hieracium (Habichtskraut) aus dem Jahr 1838. Für Baden- Württemberg dokumentieren viele der über 10’000 Flechten, Moose, Farne und Blütenpflanzen im Herbarium Tubingense Frölichs wissenschaftliche Arbeit.

Aus seinem Nachlass erworben hat diese Sammlung Hugo von Mohl (1805–1872), an den das zweite Exemplar des Bitterkrauts vom Roßberg erinnern soll (Nr. 012664). Mohl studierte in Tübingen Medizin, wurde hier 1828 promoviert und widmete sich danach in München mehrere Jahre lang den Naturwissenschaften, besonders der Botanik. Mehrfach besuchte er Frölich in Ellwangen, der ihn schon als Schüler für die Pflanzenkunde begeistert hatte. Nach seinen Forschungen bei von Martius (1794–1868) über die Anatomie der Palmen (1831), eine „bis heute noch unübertroffene Abhandlung“ (Mägdefrau 1992: 178), folgte Mohl 1832 einem Ruf an die Universität Bern. Doch bereits 1835 übernahm er in Tübingen die Professur für Botanik. Hier entstanden bis zu seinem Tod im Jahre 1872 grundlegende Arbeiten, die nahezu alle Bereiche der Pflanzenanatomie betreffen (u. a. geht der Begriff „Protoplasma“ auf ihn zurück). Mohl gehört aber nicht nur zu den bedeutendsten Botanikern des 19. Jahrhunderts: Gegen große Widerstände setzte er 1863 an unserer Universität die Gründung einer Naturwissenschaftlichen Fakultät durch – der ersten in Deutschland!

Klaus Dobat


- Gottschlich, G. (1996): Hieracium L. 1753. In: Sebald, O. et al. (Hrsg.): Die Farn- und Blütenpflanzen Baden-Württembergs. Band 6. Stuttgart : 393-535.
- Mägdefrau, K. (21992): Geschichte der Botanik. Leben und Leistung großer Forscher. Stuttgart / Jena / New York.
- Wolf, H. (2004): Josef Aloys Frölich (1766-1841) und die Flora von Ostwürttemberg. Berichte der Botanischen Arbeitsgemeinschaft Südwestdeutschland, Beiheft 1 : 81-148.

(Den Zugang zu den Sammlungen gestattete mir freundlicherweise Herr Prof. Dr. Franz Oberwinkler. Sehr herzlich bedanke ich mich ebenfalls bei der Leiterin des Herbariums, Frau Cornelia Dilger-Endrulat, für ihre sachkundige Unterstützung).

Auf gelblich verfärbtes Papier gepresste langstieliges Bitterkraut, mittig im spitzen Winkel geknickt, mit langen, schmalen Blättern; unten rechts Beschriftung auf separatem Etikett
Gewöhnliches Bitterkraut (Picris hieracioides L.); Familie: Korbblütler (Asteraceae); Fundort und -zeit: Roßberg bei Gönningen, August 1825; 47 x 29 cm (Blattgröße); Exemplar aus dem Herbar des Tübinger Botanik-Professors Hugo von Mohl (1805–1872); aus dem Besitz Hugo von Mohls, der sein Herbarium dem Botanischen Institut in Tübingen vermachte; Herbarium Tubingense, Botanisches Institut der Universität Tübingen
Auf gelblich verfärbtes Papier gepresste Bitterkraut-Pflanze mit zweifach im annähernd rechten Winkel geknickten Stiel, mit einem langen, schmalen Blatt und mehreren kleinen Blüten
Gewöhnliches Bitterkraut (Picris hieracioides L.); Familie: Korbblütler (Asteraceae); Fundort und -zeit: Türkenschanze bei Wien, August 1793; 47 x 29 cm (Blattgröße); Herbarexemplar aus der Sammlung des Ellwanger Arztes und Botanikers Josef Alois von Frölich (1766–1841); aus dem Besitz des Tübinger Botanik-Professors Hugo von Mohl (1805-1872), der es aus Frölichs Nachlass erwarb; Herbarium Tubingense, Botanisches Institut der Universität Tübingen

Nr. 15

Steinkind von Leinzell – Ein „großes Naturwunder“ in der Frauenklinik

Ein Steinkind (Lithopaedion) ist eine über längere Zeit verhaltene tote Leibesfrucht. Nach Küchenmeisters präziseren Klassifikation von 1881 handelt es sich im vorliegenden Fall um ein Lithokelyphopaedion (Kalkschalen-Steinkind), bei dem der versteinerte Foetus unter Erhalt seiner anatomischen Strukturen in einer Kalkkapsel vorliegt.

Auf dem Sterbebett habe die 91-jährige Frau den Arzt und ihren Pfarrer beschworen, sie trage noch ein Kind im Leibe, das mittlerweile 46 Jahre alt sein müsse. Dieses solle man bitte nach ihrem Tode herausholen. Tatsächlich fand sich in der kürbisgroßen, verkalkten Kapsel, die mit einem Beil geöffnet wurde, ein voll entwickelter, mumifizierter und teilweise zu Kalk gewordener Foetus männlichen Geschlechts. Von bräunlicher Farbe, geräuchertem Fleisch nicht unähnlich, sei er ursprünglich gewesen und habe nicht übel gerochen. Das Gesicht, die Ärmchen und Beinchen waren deutlich zu erkennen. Das Tübinger Steinkind gilt als das Schönste der weltweit ca. 300 in der Literatur beschriebenen Steinkinder. Nach seiner ersten Untersuchung und Balsamierung am Anatomischen Institut in Tübingen – damals noch in einer heute abgerissenen Nebenkapelle der Jakobuskirche – kam es noch im Jahr 1720 in die hochfürstliche Kunstkammer nach Stuttgart. Herzog Eberhard Ludwig und sein Hofstaat bestaunten diesen Fund, der großes öffentliches Interesse erregte – zumal die Frau später noch zwei gesunden Söhnen das Leben geschenkt hatte.

In der Schublade der Vitrine unter dem Präparat befindet sich noch das originale Schreiben der „Hochfürstlich Württembergischen Geheimen Cabinets-Canzley“ an den „Secretarius Schuckard“ vom 30. Juli 1732 mit dem Auftrag, das Steinkind nach Paris zu senden (an die dortige akademische Gesellschaft der Chirurgie), wo es ebenfalls als ein „großes Naturwunder“ beschrieben und untersucht wurde.

Noch einmal, 1853, erhielten die Tübinger Anatomen das Präparat zur Untersuchung mit den damals neuesten mikroskopischen und biochemischen Methoden. Hierzu wurde es unter Prof. Luschka in zwei Hälften zersägt (siehe die Schnittlinie von A nach B in Abb. 2). Danach ging es in den Besitz der Frauenklinik über, wo es zeitweilig im Foyer ausgestellt wurde. Ein Viertel des Präparats ist vor einigen Jahren abhanden gekommen.

In Zeiten verbesserter pränataler Diagnostik sind derartige Fälle glücklicherweise nicht mehr zu erwarten. Entsprechend verlieren solche Präparate ihre Bedeutung für die Forschung und Lehre, bevor sie als wissenschaftshistorische Objekte ihre eigene Würdigung erfahren. Immerhin hat das Leinzeller Steinkind diese kritische Phase überstanden. Ganz im Gegensatz zum berühmtesten und ältesten, dem Lithopaedion von Sens in Frankreich 1582, das nach wechselvoller Geschichte aus der Sammlung des königlich dänischen Naturalienkabinetts im 19. Jahrhundert verschollen ist.

Alfons Renz


- Kieser, W. (1854): Das Steinkind von Leinzell. Dissertation Tübingen. Stuttgart.
- Küchenmeister, F. (1881): Über Lithopaedien. Archiv für Gynaekologie 17 : 153-9.
- Orth, G. F. (1720): Dissertatio inauguralis medica de foetu XLVI annorum. Tubingae.

Schwarz-weiß-Abbildung eines dicht handbeschriebenen Briefbogens
Schreiben der „Hochfürstlich Württembergischen Geheimen Cabinets-Canzley“ an den „Secretarius Schuckard“ vom 30. Juli 1732 mit dem Auftrag, das Steinkind nach Paris auszuleihen.

CW: Menschlicher Foetus und realistische Abbildung eines menschlichen Foetus

Präparat eines versteinerten männlichen Foetus auf einer hölzernen Basis, verglast
Präparat eines versteinerten männlichen Foetus; gefunden 1720 bei der Sektion einer 91jährigen Frau aus Leinzell bei Schwäbisch-Gmünd; 18,5 x 14 x 14 cm (Präparat), 41 x 27 x 27 cm (Vitrine); Universitäts-Frauenklinik Tübingen (bis 1853/54 im Anatomischen Institut)
Schwarz-weiß abgedruckte Umzeichnung des versteinerten Foetus in der um ihn gebildeten Kapsel
Graphik des Steinkindes mit seinem Gehäuse. (Aus: Kieser 1854: Fig. 1).
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Nr. 16

Emu mit Küken (Dromaius Novaehollandiae) – „Und wenn man kein Geld hat ...“

„… dann kauft man auch keinen Emu!“ Eine solch scharfe Rüge soll sich der Zoologe Professor Theodor Eimer (1843–1898) eingehandelt haben, als er trotz leeren Etats einen der selten zu bekommenden Emus für die Zoologische Sammlung der Universität erwarb. Tatsächlich führte diese Überschreitung des Etats bei einer Senatssitzung im Januar 1882 zu einem Tadel durch den damaligen Kanzler der Universität Gustav Rümelin, was jedoch Eimer nicht hinnehmen konnte, denn es sei nur „nothwendiges angeschafft worden“.

Die Zoologische Sammlung ging 1837 aus der Aufteilung älterer Sammlungen hervor. Einige der ältesten Präparate sind Schenkungen des württembergischen Königshauses. 
Heute dient die Zoologische Sammlung der Lehre und Forschung. Hierzu gibt es eine umfangreiche Lehrsammlung auf der Morgenstelle sowie der Vermittlung der Biodiversität der Tiere dienende Ausstellungsräume in der „Schausammlung“ in der Sigwartstraße. Letztere sind auch der Öffentlichkeit zugänglich: Im Erdgeschoss befindet sich eine umfangreiche Sammlung exotischer Tiere, im Obergeschoss sind die meisten Wirbeltierarten und Insektengruppen Mitteleuropas ausgestellt.

Der Schwerpunkt der wissenschaftlichen Sammlung liegt entsprechend bisheriger Tübinger Forschungsschwerpunkte bei Wirbeltieren und Insekten. Die umfangreiche Skelettsammlung, die in den letzten dreißig Jahren im Zuge phylogenetischer Untersuchungen stark erweitert wurde, bietet auch anderen Disziplinen wie Paläontologie und Urgeschichte die Möglichkeit einer engen Zusammenarbeit mit der Zoologie. So wird für urgeschichtliche Ausgrabungen die Skelettsammlung als Vergleichsammlung, insbesondere für seltene Arten, genutzt. Im Rahmen von paläontologischen Forschungsarbeiten steht das Material für phylogenetische und funktionsmorphologische Analysen zur Verfügung.

Aus heutiger Sicht ist der Erwerb des Emus die richtige Entscheidung gewesen: Der Emu gehört zu den Paläognathen, einer kleinen, urtümlichen Gruppe der Vögel, die einige wenige Laufvögel beinhaltet und wissenschaftlich von großem Interesse ist. Beispielsweise wird das sehr dichte Federkleid des Emus von Federn gebildet, die eine außergewöhnliche Form besitzen.Der bis zu 60 Kilogramm schwere Emu lebt in Australien in Savannen und Steppen. Er ist flugunfähig, aber mit seinen kräftigen Beinen ein guter und schneller Läufer und auch ein guter Schwimmer. Seine Nahrung besteht aus Pflanzen, Früchten, kleinen Insekten und Würmern. Die Brutpflege ist Angelegenheit der männlichen Tiere.

Gerlinde Wagner, Erich Weber


- Universitätsarchiv Tübingen, UAT 47/35 : 261 [Protokoll des akademischen Senats vom 19. Januar 1882 mit Tadel an die Adresse von Prof. Eimer].

Auf einer steinartigen Basis präparierter Emu, nach rechts blickend, mit Küken zu den Füßen
Emu mit Küken, 1881. Aufgestelltes Präparat; 155 x 85 x 85 cm (mit Sockel); Präparat von der Naturalienhandlung Nill, Stuttgart; Zoologische Sammlung, Universität Tübingen

Nr. 17

Schnitzwerk der Maoris von Neuseeland; einheimische Bezeichnung: Poupou – Captain Cook und Tübingen

Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts gab es eine außerordentliche Intensivierung von Erkundungsreisen in den Pazifik. In besonders grundlegender Weise veränderten und präzisierten die drei Reisen von James Cook (1728–1779) zwischen den Jahren 1768 und 1780 das Bild, das sich die Europäer von der Geographie des Pazifiks gemacht hatten.

Zusätzlich gewann die Person Cooks u. a. durch den dramatischen Tod, den er im Jahre 1779 auf den Hawaii-Inseln fand, nicht nur in England, sondern in ganz Europa eine besondere Bedeutung. Diese Bedeutung strahlte auf alles aus, was mit seinen Reisen zusammenhing. Das gilt auch und gerade für die völkerkundlich interessanten Objekte, die bei jenen Reisen gesammelt wurden. Es macht noch heute ein völkerkundliches Museum zu einer Besonderheit, wenn es in den Beständen ein Objekt aufweist, das nachweislich einer der Reisen von James Cook zuzurechnen ist. Die Bekanntgabe, dass ein seit dem Jahre 1771 als verschollen geltendes Schnitzwerk der Maoris von Neuseeland in der Ethnographischen Sammlung der Universität Tübingen aufgefunden worden sei, fand daher im Sommer des Jahres 1998 ein weltweites Medien- Echo insbesondere in Australien, Neuseeland und auf den Pazifik-Inseln.

Der Nachweis gelang durch einen sehr eingehenden Vergleich des Schnitzwerks, das im Jahre 1937 als Schenkung in die ethnographische Sammlung des damaligen Völkerkundlichen Instituts der Tübinger Universität gelangt war, mit einer Zeichnung des Künstlers John Frederick Miller aus dem Jahre 1771. Diese zeigte, dass es sich bei dem Schnitzwerk um die Verkleidung eines Stützpfostens in der Seitenwand eines Maori-Versammlungshauses handelte, auf der eine Ahnenfigur abgebildet war. Die Zeichnung wird im Manuscript Department der British Library in London verwahrt. Die Recherche, für die vor allem bildliche und schriftliche Quellen aus dem 18. Jahrhundert heranzuziehen waren (u. a. Banks 1962), ist in ausführlicher Form an anderer Stelle publiziert worden (Harms 1998). An dieser Stelle muss der Verweis auf die drei Abbildungen genügen, deren Bildunterschriften den Zusammenhang erklären.

Das Objekt muss bereits bei der Schenkung in beschädigter und teilrestaurierter Form in die Tübinger Ethnographische Sammlung gelangt sein. Vierzig Jahre nach diesem Ereignis wurde es zusätzlich in eher dilettantischer Form einer zweiten Restaurierung unterzogen, ohne dass dabei seine ursprüngliche Gestalt Beachtung fand. Dies geschah erst bei der dritten Restaurierung, für die die Zeichnung von John Frederick Miller als Rekonstruktionshilfe herangezogen werden konnte (Scharrahs 2002). Das Schnitzwerk wird daher nun in der Form ausgestellt, die dieser Rekonstruktion entspricht.

Volker Harms


- Banks, J. (1962): The Endeavour Journal of Joseph Banks 1768- 1771. Ed. by J. C. Beaglehole. Sydney.
- Harms, V. (1998): Ein “Ancestor Panel” der Maoris von der ersten Südsee-Reise (1768-1771) James Cooks in der Ethnographischen Sammlung der Universität Tübingen entdeckt. Baessler-Archiv Neue Folge XLVI : 429-41.
- Scharrahs, A. (2002): Poupou is alive again – Die Re-Restaurierung eines „Ancestor Panels“ der Maoris aus der Ethnographischen Sammlung der Universität Tübingen. Beiträge zur Erhaltung von Kunstwerken (Hrsg. Verband der Restauratoren e.V.) 10 : 194-200.

Alte, entsättigt wirkende Fotografie von Hinematioros Pou, einer geschnitzten Darstellung und Verkörperung einer Führungspersönlichkeit der Te Aitanga-a-Hauiti in Aotearoa, Neuseeland
Unbekannter Maori-Künstler; entstanden in den Jahren vor 1770; Totara-Nadelholz aus Neuseeland, Podocarpus totara G. Benn ex D. Don; 98 x 33,5 x 3 cm; gesammelt bei der 1. Südsee- Expedition von James Cook (1768-1771) Das Schnitzwerk nach seiner endgültigen Restaurierung im Jahre 2002. ; Ethnographische Sammlung des Instituts für Ethnologie, Universität Tübingen
Schwarz-weiß-Abbildung einer Umzeichnung von Hinematioros Pou mit detaillierter Wiedergabe der geschwungenen abstrakten Muster in der stilisierten Personendarstellung
Die Abzeichnung des Schnitzwerks von John Frederick Miller aus dem Jahre 1771. (Add. Ms. 23,920.75; mit freundlicher Genehmigung der British Library)
Stark entsättigte Fotografie von Hinematioros Pou mit Beschädigungen vor allem um den oberen Bereich des Gesichts
Das Schnitzwerk vor seiner Identifikation als von James Cooks 1. Südsee-Reise stammend und vor seiner endgültigen Restaurierung.

Nr. 18

Wachsmoulagen aus der zahnärztlichen Sammlung – Vergilbte Antiquitäten

Die Idee, krankhafte Veränderungen des menschlichen Äußeren mit Wachs abzuformen, stammt aus Frankreich. Dort wurden schon im 18. Jahrhundert „Moulagen“ angefertigt, die als Lehrmaterial für Studierende und Ärzte Verwendung fanden. Einen regelrechten Boom erlebte die Moulagierkunst an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Damals begannen auch an den Kliniken von Wien, Berlin und Breslau Moulageure damit, Ungewöhnliches und Faszinierendes in Wachs abzubilden.

Genau in diesem Punkt werden wir dann aber auch mit der Janusköpfigkeit der medizinischen Profession konfrontiert. Natürlich kann man den Lehrenden den ehrlichen Willen nicht absprechen, den Lernenden anschauliches Material an die Hand zu geben. Auf der anderen Seite ist es von der menschlichen Natur zu viel verlangt, wenn man ihr versagen will, sich für das Monströse, Groteske und Sensationelle zu interessieren. Dementsprechend steht die Moulagierkunst im breiten Spagat zwischen biederer Lehrmittelsammlung und reißerischem Panoptikum. Daneben ist die Medizin aber auch Moden unterworfen, und so wundert es uns nicht, wenn Moulagen einmal als Publikumsmagneten die Kassen großer Ausstellungen füllen, dann schließlich aber – wie unsere Tübinger Exemplare – als „vergilbte Antiquitäten“ auf dem Müll landen und von dort durch Dr. habil. Wolfgang Lindemann während des Umbaus der Alten Chirurgie in den 1990er Jahren gerettet wurden.

Dabei wäre es um die raren Stücke wirklich schade gewesen. Hämangiome (gutartige Gefäßgeschwülste: siehe Abb. 2) kennen wir zwar heute noch, und der Pilzbefall (Soor: siehe Abb. 3) von antibiotisch behandelten Säuglingen ist jeder Kinderkrankenschwester bestens vertraut, aber das Vollbild einer syphilitischen Erkrankung (siehe Abb. 1) ist für die meisten Mediziner heute pure Exotik. Das war nicht immer so. Ehe den Behandelnden wirksame Medikamente zur Bekämpfung der „Lustseuche“ zur Verfügung standen, konnten die Ärzte den Krankheitsverlauf im Wesentlichen nur beobachten und beschreiben. Deprimierend war, dass nach Jahren scheinbarer Gesundung die Krankheit aus heiterem Himmel wieder zum Ausbruch kam. Unter der Haut bildeten sich Knoten, die dann geschwürig zerfielen. Diese „Gummata“, wie sie wegen ihrer gummiartigen Konsistenz genannt wurden, stellten im Körperinnern – vor allem beim Befall großer Gefäße – eine tödliche Gefahr dar. Harmloser, aber entstellend und stigmatisierend war eine Manifestation an der Körperoberfläche.

Martin Widmann

CW: Realistische Krankheits- und Wunddarstellungen

Draufsicht auf das wächserne Modell einer Zunge mit geöffnetem Geschwülst, farbig in rosigen und Rottönen gefasst
Zerfallenes Gumma der Zunge beim tertiären Stadium der Lues Um 1926 (?) Wachsmoulage auf Holzunterlage 20 x 20 x 6 cm (mit Unterlage) Zahnärztliche Sammlung der Zahnklinik Tübingen, Universität Tübingen
Frontalansicht des Wachsmodells eines Kindes von der Braue bis zum Kinn, mit dunkelrot gefassten Schwülsten um den Mund herum bis zu den Ohren
Hämangiom (gutartige Gefäßgeschwulst) Signiert und datiert: „A. & P. Seifert, Atelier für wissenschaftliche Präparate u. Modelle. – Berlin N. W., Stephanstr. 8. [handschriftlich durchgestrichen und korrigiert: Rathenower Str. 72.] / Haemangiom. / 14.7.1926“ Wachsmoulage auf Holzunterlage 23,5 x 16,5 x 12 cm (mit Unterlage) Zahnärztliche Sammlung der Zahnklinik Tübingen, Universität Tübingen
Draufsicht eines Wachsmodells der weit geöffneten Mundpartie eines Kleinkinds mit hell gefasster Haut und rot gefasstem Mundinnenraum
Soor der Mundhöhle (Oidium albicans, syn. Candida albicans) beim Kleinkind Um 1926 (?) Wachsmoulage auf Holzunterlage 20 x 20 x 13 cm (mit Unterlage) Zahnärztliche Sammlung der Zahnklinik Tübingen, Universität Tübingen

Nr. 19

Cambridge Schaukelmikrotom – Thoma Schlittenmikrotom

Für die histologische Untersuchung von Gewebe muss dieses in hauchdünne Scheiben geschnitten und für die mikroskopische Betrachtung durchsichtig gemacht werden. Zum Schneiden dient das Mikrotom, eine Vorrichtung mit feststehendem oder beweglichem Messer, mittels dessen die durch Fixierung gehärteten und in Paraffinwachs eingebetteten Gewebestücke in ca. 1/100 mm dicke Scheiben zerlegt werden.

Die Konstruktion des Schaukelmikrotoms beruht auf dem Prinzip eines T-förmigen Hebels, der am langen Ende durch eine feine Mikrometerschraube gehoben wird und dadurch das zu schneidende Objekt in kleinen Schritten an das feststehende Messer führt. 
Erfunden wurde der Konstruktionstyp dieses Mikrotoms von Horace Darwin in England. Dessen berühmter Vater Charles war davon so überzeugt, dass er seinem Sohn den Einstieg in die Firma Cambridge Scientific Instrument Company zur Produktion des Geräts finanzierte. Die Firma wurde 1878 gegründet. 1885 kam das Mikrotom auf den Markt. Vorteilhaft ist die einfache Konstruktion, die keine Präzisionsteile erfordert und durch die V-förmige Lagerung der Drehteile unverwüstlich und ohne Spiel arbeitet. Auch Serienschnitte lassen sich einfach herstellen. Nachteilig ist dagegen der sehr begrenzte Vorschub, so dass es sich nur für sehr kleine Proben eignet. Rudolf Jung (1845-1900) in Heidelberg, der Pionier deutscher Mikrotome, produzierte das Schaukelmikrotom 1909 in Lizenz. Seine 1872 gegründete Firma fusionierte 1986 mit Cambridge Instruments und 1990 mit Leica. Die niedrige Fertigungsnummer unseres Geräts (No 31) könnte ein Indiz dafür sein, dass dieses Mikrotom in Deutschland nie die Verbreitung wie im angelsächsischen Sprachraum gefunden hat.

Mit dem Heidelberger Pathologen Rudolf Thoma entwickelte Jung im Jahr 1872 das nach ersterem benannte Schlittenmikrotom als erstes Gerät, das 1881 in Serie ging und bis heute nahezu unverändert gebaut wird. Der Gedanke, das Heben der zu schneidenden Objekte durch einen Schlitten auf einer schräg ansteigenden Ebene vorzunehmen, stammt von Rivet, dessen 1868 in Paris vorgestelltes Mikrotom allerdings noch sehr einfach aus Holz gefertigt war.

Drei damals innovative Merkmale zeichnen unseren Bautyp aus (Inv. Nr. 0-0629, Produktionsnummer 5519): Die mechanisch solide Konstruktion aus Gusseisen mit feststehendem Messer erlaubt Schnitte von bis zu 4 cm2 Fläche bei einer Dicke von 5 bis 10 µm. Die Lagerung des Schlittens auf nur 5 Punkten in zwei Flächen arbeitet ohne Spiel und schleift sich selbständig ein. Und vor allem gestattet die dreh-, heb-, und neigbare Objektkammer die genaue räumliche Orientierung des Präparats. Dies ist vor allem wichtig bei der histologischen Untersuchung von Embryonen und kleinen Organismen. Entwickelt wurde diese nach ihrer Herkunft ‚Neapler-Kammer’ genannte Haltevorrichtung von Anton Dohrn an der dortigen Zoologischen Station, wo mit Unterstützung von Darwin, Huxley, Virchow, Abbe und Zeiss für Biologen aus aller Welt hervorragend ausgestattete Arbeitsplätze am Mittelmeer eingerichtet wurden.

Alfons Renz


- Bracegirdle, B. (1978): A History of Microtechnique. The evolution of the microtome and the development of tissue preparation. London.
- Stehli, G. (1921): Das Mikrotom und die Mikrotomtechnik. Stuttgart.
- Van Heurck, H. F. (1893): The Microscope. Its Construction and Management. London.

Flaches Geräut aus schwarzes Metall mit gebogenen Armen und Schneideplatte
Cambridge Schaukelmikrotom der Firma Jung (Heidelberg) Cambridge Scientific Instrument Company / Firma Rudolf Jung, Heidelberg (hergestellt in Lizenz); ca. 1909 (mit späteren Ergänzungen); signiert: „R. Jung / Heidelberg / No 31“; Gusseisen, schwarz und rot lackiert; 20 x 40 x 20 cm; Anatomisches Institut, Universität Tübingen Thoma Schlittenmikrotom der Firma Jung (Heidelberg) aus dem Anatomischen Institut, 1902. Gusseisen; 23 x 59 x 20 cm; Anatomisches Institut, Universität Tübingen

Nr. 20

Bemalte Blechkatze – Das Requisit eines Initiationsritus

Gäbe es im Physikalischen Institut auf der Morgenstelle nicht eine lebendige Erzähltradition und im Universitätsarchiv nicht eine Fülle von Fotografien, in denen das akademische Leben in den 1960er und 70er Jahren dokumentiert ist, dann würde sich angesichts einer Blechkatze mit angehängtem Miniaturfahrrad so etwas wie ein Interpretationsnotstand einstellen.

Es handelt sich bei dem in die Form einer Katze gebrachten, bemalten Blechrohr um ein Fundstück der umfangreichen Lehrsammlungen des Physikalischen Instituts. Inmitten der historischen Messgeräte, Polarisationsapparate, Beugungsgitter etc. bringt sich die bemalte Blechkatze als Kuriosum zur Geltung – als ein Kuriosum, das eher an ein dadaistisches Kunstwerk als an ein Lehrmittel erinnert. Und nicht selten fiel bei den Erkundungsgesprächen auch der Name Schrödinger. Ist das Objekt etwa, so wurde gefragt, eine dinghafte Ironisierung des berühmten Gedankenexperiments des österreichischen Physikers, das unter der Bezeichnung „Schrödingers Katze“ nicht nur in die Wissenschafts-, sondern auch in die Ideen- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts eingegangen ist? Zu vermuten ist: Nein! 
Folgt man den Erzählungen der Morgenstellen-Physiker, dann scheint es sich um ein „Überbleibsel“ dessen zu handeln, was in der Fotosammlung des Universitätsarchivs als „Examensklamauk“ geführt wird. Bis in die frühen 1980er Jahre waren nämlich vor dem Hauptportal der Neuen Aula „Doktoranden-, Kandidaten- oder Examensfuhren“ üblich. Zuerst durch den Umzug auf die Morgenstelle, dann durch geänderte Prüfungsordnungen, schließlich auch, wie die Pedellen behaupten, durch den Rückgang geeigneter Fahrzeuge und lokaler Pferdefuhrwerksbetriebe ist der Brauch allmählich verschwunden. Gebildet hatte er sich insbesondere um Absolventen der ehemaligen Naturwissenschaftlichen Fakultät: Sie wurden vor dem Hauptportal der Neuen Aula, wo die mündlichen Prüfungen im Großen Senat stattfanden, abgeholt und auf einfallsreich und z. T. aufwändig dekorierten Fahrzeugen durch das Universitätsviertel kutschiert. Vor allem in den Fächern, in denen Forschungskollektive, Arbeitsteams und Laborgruppen für kooperative und kommunikative Strukturen sorgen, gehörten Übungen dieser Art zu den akademischen Abschlussritualen. Bei den Physikern, so belegen es die Archivfotografien, waren die Materialauswahl, die Objektarrangements und die bildhafte Gestaltung der Fahrzeugaufbauten in aller Regel auf das Thema der Dissertation bezogen.

Die neuere Wissenschaftsforschung hat einen eigenen Namen für die Requisiten erfunden; sie nennt sie „soziable Objekte“. Ihnen kommt eine besondere Rolle bei der „Integration von Expertenteams“ zu. Im Examensritual konstituiert sich so etwas wie die „emotionale Heimat für das Experten-Selbst“. In den oftmals als Objektwelten definierten Wissenskulturen der Physiker spielen deshalb „emotionale“ Dinge eine ebenso bedeutende Rolle wie die in ihrer methodologisch-erkenntnisleitenden Funktion in den letzten Jahren präzise analysierten „epistemischen Dinge“. So wäre die rätselhafte Blechkatze also mehr als nur das seltsame Relikt eines Examensbrauches, sondern auch Indikator einer Wissenschaftskultur, in der der kollektive Arbeits- und Forschungsstil durch Teamgeist, durch „Intensität und Lusthaftigkeit“ (K. Knorr-Cetina) geprägt ist.

Gottfried Korff


- Knorr-Cetina, K. (1998): Sozialität mit Objekten. Soziale Beziehungen in post-traditionalen Wissensgesellschaften. In: Rammert, W. (Hrsg.): Technik und Sozialtheorie. Frankfurt a. M. / New York : 83-115.

Frntalansicht einer grob gearbeiteten Blechskulptur, die eine vereinfachte Katze darstellt, mit schwarz aufgemaltem Gesicht und rot gefasster Spitze des am abgewandten Ende aufragenden Schwanzes
Weißblech, Holz, Plastik, Farbe; 22 x 34 x 11 cm; Kopfansicht der bemalten Blechkatze aus der Lehrsammlung des Physikalischen Instituts, um 1990.
Seitenansicht einer bemalten Blechskulptur, die eine Katze auf Rädern darstellt, mit schwarz aufgemaltem Gesicht und rot gefasster Schwanzspitze
Seitenansicht der bemalten Blechkatze
Schwarz-weiße Fotografie eines Wagens auf einer Straße mit offener Ladefläche, auf der mehrere junge Männer kauern
„Kandidatenfuhre“ vor dem Paläontologischen Institut in der Sigwartstraße, 1970.

Nr. 21

Schwäbisches Wörterbuch (1904–1936), Zettelkästen „Württembergische Ortsnamen“ – Arbeit am Schwäbischen

Das „Schwäbische Wörterbuch“, das heute untrennbar mit dem Namen seines Bearbeiters Hermann Fischer verbunden ist, geht in seiner Konzeption und den Ursprüngen zurück auf Adelbert von Keller (1812–1883), Fischers Lehrer an der Universität Tübingen. Keller, der nach seinem Studium in Tübingen zunächst in der Lehrerbildung tätig war und dann mehrere Jahre an der Universitätsbibliothek als Unterbibliothekar arbeitete, wurde 1844 in Tübingen zum ordentlichen Professor für deutsche Sprache und Literatur ernannt. Neben zahlreichen universitären Ämtern und einer ausgedehnten Herausgeber- und Übersetzertätigkeit widmete sich Keller vor allem sprachwissenschaftlichen Themen im Bereich der volkstümlichen Überlieferung.

Dem Vorbild des Bayerischen Wörterbuchs von Andreas Schmeller folgend begann er 1854 mit der „Sammlung des schwäbischen Sprachschatzes“. Er bezog systematisch die Dorfschullehrer in seine Sammeltätigkeit ein, indem er eine schriftliche Anleitung zur Sprachaufzeichnung verschickte und damit große Resonanz fand. 
Kurz vor seinem Tod übergab er die Weiterführung des Wörterbuchunternehmens seinem Schüler Hermann Fischer (1851–1920), der als 4. Bibliothekar an der Königlichen öffentlichen Bibliothek in Stuttgart tätig war.

Fischer hatte nach seiner Gymnasialzeit und dem Besuch des Seminars in Blaubeuren 1869 das Tübinger Stift bezogen und sein Studium an der Universität aufgenommen. Ab 1870/71 war er Schüler Adelbert von Kellers. Er promovierte 1873 über das Nibelungenlied, trat für kurze Zeit in den Schuldienst ein und nahm 1875 seine Tätigkeit an der Stuttgarter Bibliothek auf. 1886 wurde Fischer Nachfolger Adelbert von Kellers auf dem Tübinger Lehrstuhl, nachdem er schon vorher die Leitung des „Stuttgarter Litterarischen Vereins“ in der Nachfolge Kellers übernommen hatte. H. Fischer hat das Schwäbische Wörterbuch als sein Lebenswerk, aber auch durchaus als eine Last empfunden, die ihn daran hinderte, anderen wissenschaftlichen Fragen nachzugehen. Den Abschluss seines Lebenswerkes zu erleben war ihm nicht vergönnt. Er starb 1920, dem Jahr, in dem die erste Lieferung des sechsten und letzten Bandes erschien, die von seinem Schüler Wilhelm Pfleiderer redigiert wurde. Pfleiderer betreute das Schwäbische Wörterbuch bis zum 1936 erschienenen Nachtragsband, in

den bereits die Ergänzungen, die Hermann Fischer in seinem Arbeitsexemplar gesammelt hatte, zum Teil eingearbeitet sind. Die Abteilung „Handschriften Alte Drucke“ der Universitätsbibliothek Tübingen bewahrt Teile vom wissenschaftlichen Nachlass Adelbert von Kellers (Md 760–761) und Hermann Fischers (Md 882–895 und Mh II 384–394).

Gerd Brinkhus


- Seck, F. / Krause, G. / Stöhr, E. (1980): Bibliographie zur Geschichte der Universität Tübingen. 
Tübingen: Nr. 5684-5693 (Fischer), Nr. 6573-6580 (Keller).

Schwarz-weiße Frontalansicht gestapelter Zettelkästen, im geöffneten Deckel des obersten ist ein handschriftlich verfasster Text auf weißem Papier
Zettelkästen „Württembergische Ortsnamen“. Diese Materialsammlung wurde von H. Fischer für das Schwäbische Wörterbuch ausgewertet und anschließend der Universitätsbibliothek Tübingen übergeben. (Abschrift 1902, 1918 der UB Tübingen übergebeus) Pappschachteln mit Zetteln und handschriftlicher Abschrift im Deckel; 20 x 12,5 x 22 cm (je Pappschachtel); Universitätsbibliothek Tübingen, Signatur: Md 680.
Schwarz-Weiß-Fotografie eines aufgeschlagenen Wörterbuches mit handschriftlichen Anmerkungen auf der linken Seite sowie am Rand der bedruckten rechten Seite
Schwäbisches Wörterbuch“. Band 1 des Handexemplars von Hermann Fischer mit Nachträgen und Ergänzungen, 1904. auf Grund der von Adelbert v. Keller begonnenen Sammlungen und mit Unterstützung des württembergischen Staates, bearbeitet von Hermann Fischer (Bd. 6 fortgeführt von Wilhelm Pfleiderer); Bände 1-6. Tübingen; 30 x 53 cm (aufgeklappt); Universitätsbibliothek Tübingen, Signatur: Ck XI 104.4° -1 (2. Ex.) R

Nr. 22

Telefonmaske – Aus dem „Feld“ ins Depot

Die Telefonmaske ist eine von ursprünglich vierzehn, die von einer Lehrlingsgruppe des Fernmeldezeugamts Rottenburg (1970–1996) für die Straßenfastnacht 1983 gefertigt wurden. Ein studentisches Forschungsprojekt zu Formen der populären Kreativität entdeckte sie als Umzugsmasken bei einem Narrentreffen in Horb und veranlasste die „Schenkung“ einer von ihnen an das Institut. Die Gestaltung der Maske erfolgte in Analogie zu einem seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in der südwestdeutschen Fastnacht überlieferten Maskentypus. Dieser Maskentypus besteht aus nicht mehr verwendungsfähigen materialen Resten alltäglicher Gebrauchskulturen – also beispielsweise aus naturalem Abfall wie Erbsstroh, Nussschalen und Schneckenhäusern (wie etwa beim Elzacher Schuddig) oder aus gewerblichem Abfall wie bei den Narro-Figuren in dem Schwarzwald-Städtchen Zell a. H. (Bändele-Narro, Spielkarten-Narro). Im Falle der Telefonmaske wurden veraltete, aus büro- und haushaltstechnischen Verwendungszusammenhängen stammende Abfallprodukte zu Bauelementen eines modernen Brauchrequisits gemacht. Die Maske spiegelt so den in den frühen 1980ern einsetzenden Prozess der technologischen und wirtschaftlichen Modernisierung des Telekommunikationssektors – den Weg in die Schnurlosigkeit. Sie bezeugt darüber hinaus ganz allgemein den progredienten Reliktanfall in Konsumgesellschaften, aber auch dessen kreative Nutzung in der lebensweltlichen Alltagskultur.

Das Ludwig-Uhland-Institut hat sich in seinen Projektstudien immer wieder mit diesen Formen der „Volkskultur in der technischen Welt“ beschäftigt und so seine Sammlung ständig ergänzt und aktualisiert. Es hat in seinen objektbezogenen Forschungen nicht einen etablierten volkskundlichen Bestandskanon eingefroren, sondern diesen kontinuierlich – zumeist auf der Grundlage von Feldforschungen – erweitert. So sind die Sammlungen des Ludwig-Uhland-Instituts in der Tat auch so etwas wie eine „Verlängerung des Feldes“, wie der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss die der anthropologischen Forschung und Lehre dienenden Deponiereinrichtungen genannt hat.

Schon mehrfach hat deshalb das Ludwig-Uhland-Institut bei der Vorstellung der Universitätssammlungen Belege aus seinem Maskenbestand gezeigt. Im Attempto-Heft 1974 waren es Masken aus der bürgerlichen Fastnacht des 19. Jahrhunderts, in einer Broschüre aus dem gleichen Jahr, in der die Sammlungen der Universität aufgelistet wurden, war es eine Hexenlarve aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. In den 1960er-Jahren war die Erforschung der aktuellen Formen und Funktionen der südwestdeutschen Fastnacht ein Schwerpunkt der Institutsarbeit. Und auch heute ist es ein Forschungsfeld, dem immer wieder auch – z. T. unter veränderten Fragestellungen – die Aufmerksamkeit von Einzelarbeiten und von Studienprojekten gilt.

Gottfried Korff


- (1967): Masken zwischen Spiel und Ernst. Beiträge des Tübinger Arbeitskreises für Fastnachtsforschungen. Tübingen.
- (1989): Wilde Masken. Ein anderer Blick auf die Fasnacht. Tübingen.
- (2003): Forschendes Lernen. Studienprojekte am Ludwig-Uhland-Institut. Tübinger Korrespondenzblatt 55.

Arbeiterhelm mit weißem Telefonapparat-Gehäuse und -hörern in Maskenform für Karneval umgebaut.
Telefonmaske aus Rottenburg a. N., ca. 1983: Technischer Abfall als Montageelement eines Fastnachtsrequisits. Telefonapparatgehäuse und –hörer (Metall, Kunststoff, Textil) aufmontiert auf einem Arbeitsschutzhelm; 35 x 74 x 45 cm; Sammlungen des Ludwig-Uhland-Instituts für Empirische Kulturwissenschaft, Schloss Hohentübingen, Universität Tübingen
Rückansicht einer Fastnachtsmaske in Dreispitzform mit roten Kugelelementen an den SPitzen, die jeweils durch drei Reihen helle Schneckenhäuser miteinander verbunden sind.
Rückansicht der Kopfbedeckung einer Elzacher Schuddig-Maske, ca. 1960: Naturaler Abfall als Gestaltungselement einer Schwarzwälder Fastnachtsmaske.

Nr. 23

Kopfmodell für den „rassekundlichen“ Unterricht – Ins Gesicht geschrieben? „Rasse als Konstrukt“

CW: Antiziganistische Begriffe

Die Anthropologin Sophie Ehrhardt (1902–1990), von 1942 bis zu ihrer Pensionierung 1968 in Tübingen wissenschaftliche Mitarbeiterin des Anthropologischen Instituts, war 1938–1942 an der Rassenhygienischen Forschungsstelle des Reichsgesundheitsamts mit der Aufspürung, genealogischen Befragung und Vermessung von sog. Zigeunern beschäftigt, die aufgrund von rassischen Kategorien in „reinrassige Zigeuner“ und „Zigeunermischlinge“ eingeteilt wurden. Durch solche Kategorien wurden später Tausende in Konzentrationslagern ermordet. 
Ehrhardt sollte im Frühjahr 1940 und im Herbst 1941 die Erhebungen in Ostpreußen durchführen – sie erfasste dabei ca. 1000 Personen, die teils mit Polizeigewalt vorgeführt wurden. Bei dieser Gelegenheit fertigte sie von mehreren „Zigeunern“ Gesichtsabdrücke an und ließ am Anthropologischen Institut in München Kopfmodelle herstellen. In Tübingen erläuterte sie an Modellen von Zwillingsbrüdern noch lange nach Ende des „Dritten Reiches“ die äußeren anthropologischen Merkmale dieses Verwandtschaftsgrads. Ehrhardt ging – wie sie im März 1942 in der Zeitschrift „Volk und Rasse“ darlegte – von dem Konstrukt der „reinrassigen“, aus Indien ausgewanderten „Zigeuner“ aus, die sich im Laufe der Jahrhunderte immer weiter vermischten, aber immer noch als „fremdrassig“ kenntlich seien, was sie durch einen Vergleich mit den anthropometrischen Daten anderer, mitteleuropäischer „Volksgruppen“ zu belegen versuchte. 
Sie hielt die „Zigeuner“ für „primitiv“, was sie u. a. an ihrer angeblich beharrlichen Nichtsesshaftigkeit festmachte. Diejenigen, die doch sesshaft wurden und einen bürgerlichen Beruf ergriffen, waren in ihrer Wahrnehmung sog. „Zigeunermischlinge“ mit einem hohen deutschen „Erbanteil“.

Teile der von ihr, Robert Ritter, Eva Justin und Adolf Würth 1938–1942 erhobenen Daten verwendete sie in ihrer Habilitationsschrift von 1950 und später in einigen Aufsätzen. Unter ihrer Anleitung entstanden zwei Doktorarbeiten zu den „Hautleisten“ von „Zigeunern“, die – das wurde auch für die „Juden“ versucht – nach verlässlichen anthropometrischen Merkmalen suchten, um Menschen einer bestimmten „Rasse“ zuordnen zu können. Für die weitere Auswertung des „Zigeunermaterials“ erhielt sie 1966–1970 finanzielle Mittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Ehrhardt war im Gegensatz zu radikalen Antiziganisten wie Hermann Arnold nicht daran beteiligt, die seit Jahrhunderten gegen „Zigeuner“ bestehenden Vorurteile auch nach 1945 publizistisch weiter zu verbreiten. Sie hatte jedoch keinerlei Bedenken, die „Zigeunermaterialien“ für ihre Forschungen zu verwenden.

So stehen die erhalten gebliebenen Kopfmodelle für eine Wissenschaft, die Menschen anhand von äußerlichen körperlichen Merkmalen in „rassisch“ defi- nierte Gruppen einteilte oder versuchte, ihren Verwandtschaftsgrad herauszufinden. Im Bereich der biologischen Anthropologie ist dieser Ansatz stark in den Hintergrund getreten – Verwandtschaftsverhältnisse können besser mit genetischen Methoden festgestellt werden.

Bernd Grün


- Hägele, U. (Hrsg., 1998): Sinti und Roma und Wir. Ausgrenzung, Internierung und Verfolgung einer Minderheit. Tübingen.
- Martin, R. / Saller, K. (Hrsg., 1957): Lehrbuch der Anthropologie in systematischer Darstellung mit besonderer Berücksichtigung der anthropologischen Methoden, begründet von Rudolf Martin. 3., völlig umgearbeitete und erweiterte Auflage von Karl Saller. Band I (mit 312 Abbildungen und 8 Musterformularen). Stuttgart.
- Universitätsarchiv Tübingen, UAT 288/5 [Reisebericht von Sophie Ehrhardt, ca. 1980].
- Zimmermann, M. (1996): Rassenutopie und Genozid. Die nationalsozialistische „Lösung der Zigeunerfrage“. Hamburg.

CW: Sensible Bilddarstellungen menschlicher Schädel

Schwarz-Weiß-Fotografie einer Lehrsituation mit Lehrerin, die einen menschlichen Schädel in der Hand hält, und Schülerinnen in Rückansicht; im Hintergrund stehen eine Tafel und ein montiertes menschliches Skelett
Sophie Ehrhardt erklärt im Übungsraum Studentinnen die Variabilität der Schädellängen, 1951. (Reproduktion: Stadtarchiv Tübingen, nach verschollenen Vorlagen aus dem Anthropologischen Institut Tübingen)
Schwarz-Weiß-Fotografie eines Seminarraums mit Schreibtischen in Reihen und an der hinteren Wand ein Vitrinenschrank, in dem Modelle menschlicher Köpfe zu erkennen sind
Übungsraum des Anthropologischen Instituts auf dem Schloss Hohentübingen (heute: Bibliothek des Ägyptologischen Instituts); in der Vitrine befinden sich die Kopfmodelle. Um 1950. (Reproduktion: Stadtarchiv Tübingen, nach verschollenen Vorlagen aus dem Anthropologischen Institut Tübingen)
Schwarz-Weiß-Fotografie eines menschlichen Kopfmodells mit dunklen Haaren, Augen und Bart, auf dunkler Basis montiert
Kopfmodell für den „rassenkundlichen“ Unterricht. Sophie Ehrhardt / Hans Hirschhuber; um 1941; bemalte Positiv-Abformmasse (Hominit); lebensgroß; aus der Sammlung des Anthropologischen Instituts, Schloss Hohentübingen; Museum und Gedenkstätte Sachsenhausen (z. Zt. Leihgabe des Instituts für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters, Abteilung Ältere Urgeschichte und Quartärökologie)

Nr. 24

Streifenkiwi (Apteryx Mantelli) – Vorausschauendes Sammeln

Wie der Emu gehört auch der neuseeländische Wappenvogel – der Streifenkiwi – zu der Gruppe der Paläognathen. Vertreter dieser Gruppe werden in der Zoologischen Sammlung seit 25 Jahren gezielt gesammelt. Vor einem Jahr ist es schließlich gelungen einen Streifenkiwi zu erwerben, der nun im Rahmen einer Doktorarbeit über Paläognathen hinsichtlich seiner höchst umstrittenen phylogenetischen Stellung untersucht wird.

Der Erwerb eines solchen Tieres ist nicht selbstverständlich: die Ausfuhr aus Neuseeland ist streng verboten, Exemplare in Zoos sind selten, eine Nachzucht ist schwierig. Hier zeigt sich die Bedeutung eines „vorausschauenden Sammelns“: nur über lange Zeiträume geplante wissenschaftliche Fragestellungen ermöglichen gezieltes wissenschaftliches Arbeiten.

Da nur ein Exemplar zur Verfügung stand, musste mit dieser Ressource äußerst ökonomisch umgegangen werden: Für die Forschung wurde die Muskulatur untersucht und eine Gewebsprobe für die molekulare Analyse entnommen. Außerdem benötigte man das vollständige Skelett. Durch den Abguss von Schnabel und Beinen konnte aber auch die „äußere Gestalt“ erhalten werden und steht nun als Anschauungsobjekt für die Lehre und für interessierte Besucher zur Verfügung.

Einst im säugetierfreien Neuseeland weit verbreitet, ist der flugunfähige Streifenkiwi heute durch die schnelle und dramatische Veränderung seiner Umwelt gefährdet. Der Streifenkiwi ist ein nachtaktiver, „säugetierartiger“ Vogel: Er kann nicht gut sehen, aber gut hören und – für einen Vogel außergewöhnlich – sehr gut riechen. Seine Nahrung besteht aus Insekten und Würmern. Die Tiere bilden lebenslängliche Paargemeinschaften. Eine Besonderheit sind die ungewöhnlich großen Eier, die mit bis zu 500 Gramm etwa 25 Prozent des Körpergewichts eines Kiwis erreichen können.

Gerlinde Wagner, Erich Weber

Balg-Präparat eines nach rechts schreitenden Streifenkiwis mit dunkelbraune Gefieder auf einer unregelmäßigen grauen Basis
2005; Balg als Hälfte eines Doppelpräparats; 34 x 50 x 33 cm (mit Sockel); aus dem Frankfurter Zoo stammender Streifenkiwi; Zoologische Sammlung, Universität Tübingen
Skelett-Präparat eines nach rechts schreitenden Streifenkiwis auf einer unregelmäßigen grauen Basis
2005; Skelett als Teil eines Doppelpräparats; 34 x 50 x 33 cm (mit Sockel); aus dem Frankfurter Zoo stammender Streifenkiwi; Zoologische Sammlung, Universität Tübingen

Nr. 25

Rektorszepter der Universität Tübingen – Universität und Repräsentation

Die Universität Tübingen gehört zu denjenigen wenigen Hochschulen in Europa, an denen sich die Würdezeichen universitärer Selbstdarstellung erhalten haben. Besonders seit spätmittelalterlicher Zeit treten vermehrt Szepter auf, so etwa an den Universitäten Basel, Freiburg, Glasgow, Heidelberg, Krakau, Leipzig oder Paris. Diese Werke sind für uns heute auch wichtige Zeugnisse profaner Goldschmiedekunst, über deren Schöpfer meist keine Quellen Auskunft geben. Auch für dieses Szepter fehlen archivalische Hinweise über seine Entstehung. In der bisherigen Literatur wird jedoch – aufgrund einer konstatierten Ähnlichkeit mit dem Katharinenszepter (vgl. Kat. Nr. 26) – auch dieses Stück zeitlich um 1480 eingeordnet. Als zusätzlicher Beleg für die Datierung wird auf die Erwähnung von „sceptra“ in den Statuten der Universität bei der Gründung im Jahre 1477 verwiesen, bzw. erscheinen auch in dieser Zeit bereits gekreuzte Szepter im Wappen der Universität.

Aus dem getriebenen Korb in charakteristischem Akanthusornament der Spätgotik erhebt sich die Halbfigur des bartlosen Mannes mit Barett in einem Mantel mit breitem Kragen, der in seiner Linken ein Szepter trägt. Dabei ist zweifelhaft, ob es sich hier um den Schutzpatron der Juristen, Hl. Ivo von Chartres, handeln könnte. Die alte, inzwischen mehrheitlich von der Forschung verworfene Identifikation mit dem Grafen Eberhard im Bart, dem Stifter der Universität, oder einer anderen fürstlichen Person, wäre noch einmal zu bedenken. Kostümgeschichtlich verwandte Darstellungen des Hausbuchmeisters, etwa das Dedikationsbild mit dem Pfalzgrafen Philipp dem Aufrichtigen, 1480 (Heidelberg, Cod.pal. germ 87), sind in diesem Zusammenhang heranzuziehen.

Den Ergebnissen G. Richters zufolge wurde dieses Szepter nach einem Brand von 1534 repariert, wobei Setzung der Figur und Teile des Blattkorbes wahrscheinlich geändert bzw. hinzugefügt wurden. J. M. Fritz hat vorgeschlagen, das Szepter in der Hand des Dargestellten als weltliches Machtzeichen des Rektors zu interpretieren. In künstlerischer Hinsicht lassen sich die Bezüge zum Schaffen führender Künstler der Spätgotik (Meister E.S., Martin Schongauer, Hausbuchmeister) als ein dezidiertes Streben nach künstlerischer Qualität deuten. Das Rektorszepter gehört zu den besten Werken seiner Art in Europa.

Anette Michels, Sergiusz Michalski


- Fritz, J. M. (Hrsg., 1986): Mittelalterliche Universitätszepter. Meisterwerke europäischer Goldschmiedekunst der Gotik. Ausstellung zum 600jährigen Jubiläum der Universität Heidelberg. Heidelberg : 44, Kat. Nr. 18.
- Richter, G. (1964): Die Insignien der Universität Tübingen. Tübingen : 37-40, Tafel 1, 3, 4, 5.
- Vorbrodt, G. W. / Vorbrodt, I. (1971): Corpus sceptrorum. Die akademischen Szepter und Stäbe in Europa. Bd. I. Heidelberg : 244-6.

Kopf eines silbernen Szepter, aus dem eine Gelehrtenfigur herauswächst
Rektorszepter der Universität Tübingen, Datierung um 1480 (Michael Speidel), mit Reparaturen nach 1534; Stab: Silberrohre auf Holz aufgezogen, teilweise vergoldet; Figur: Silber vergoldet, mit Ausnahme von Kopf, Händen und Szepter; 104,5 x 1,5 x 1,5 cm (Schaft); 2,3 cm (Durchmesser des Griffs); 3,5 cm (Durchmesser des Knaufs am Griff); Silberschatz der Universität Tübingen
Silbernes Szepter mit Kopfstück, aus dem eine Gelehrtenfigur herauswächst
Rektorszepter der Universität Tübingen, Datierung um 1480 (Michael Speidel), mit Reparaturen nach 1534; Stab: Silberrohre auf Holz aufgezogen, teilweise vergoldet; Figur: Silber vergoldet, mit Ausnahme von Kopf, Händen und Szepter; 104,5 x 1,5 x 1,5 cm (Schaft); 2,3 cm (Durchmesser des Griffs); 3,5 cm (Durchmesser des Knaufs am Griff); Silberschatz der Universität Tübingen

Nr. 26

Katharinenszepter der Universität Tübingen – Szepter der Artisten

Bei der spätmittelalterlichen Artistenfakultät handelt es sich um die Vorgängerin der heutigen geisteswissenschaftlichen Fakultäten, wo die Studierenden die sieben ‚artes‘ – so etwa Logik, Rhetorik und Arithmetik – erlernten.

Das Szepter war ursprünglich der Philosophischen Fakultät zugehörig. Szepter sind Ausdruck der Verfassungsstruktur mittelalterlicher Universitäten und ihrer Selbstdarstellung. Zugleich dienen sie auch als Symbole der Würdestellung des Rektors und als Herrschaftszeichen. Von mehreren Universitäten wird überliefert, dass der Universitätspedell bei amtlichen Auftritten des Rektors, diesem das Szepter vorantragen musste. Dies war auch an der Universität Tübingen noch bis in die 1960er Jahre üblich.

Universitätsszepter bestehen aus einem langen Schaft, der meist durch Knäufe oder Ringe in mehrere Abschnitte unterteilt ist, mit einer Bekrönung als Abschluss. Meist haben sich zu den Goldschmieden europäischer Universitätsszepter, die seit Ende des 14. Jahrhunderts existieren, kaum Überlieferungen erhalten. Dagegen sind wir über das Tübinger Katharinenszepter urkundlich gut unterrichtet: Die Quittung des Goldschmieds Michel zu Wil (Michael Speidel, Weil der Stadt) hat sich in einer Abschrift des Tübinger Professors Martin Crusius (1526–1607) erhalten, die außerdem eine Datierung in das Jahr 1482 zulässt (Universitätsarchiv Tübingen, Mh 369). Die Hl. Katharina von Alexandrien hatte – laut Überlieferung – in einer Disputation fünfzig heidnische Philosophen besiegt und zum Glauben bekehrt, weshalb sie häufig als Patronin für die Artistenfakultät gewählt wurde.

Die spätgotische Figur wurde in Gusstechnik hergestellt. Ihre Gestaltung ist möglicherweise durch einen Kupferstich Martin Schongauers angeregt worden, auch erinnert die Figur der Katharina entfernt an einen Reliquienbehälter. Der umgebende Blattkorb und Teile des Stabes haben kurz nach 1600 Umarbeitungen erfahren, die im Fall des Blattkorbes auf eine faszinierende Adaptation spätgotischer Blattformen – durch einen dem manieristischen Stil verpflichteten Goldschmied – hinausliefen. Der gedrehte Griff stammt ebenfalls noch aus spätgotischer Zeit.

Anette Michels, Sergiusz Michalski


- Fritz, J. M. (Hrsg., 1986): Mittelalterliche Universitätszepter. Meisterwerke europäischer Goldschmiedekunst der Gotik. Ausstellung zum 600jährigen Jubiläum der Universität Heidelberg. Heidelberg : 46, Kat. Nr. 19.
- Paatz, W. (1953): Sceptrum universitatis. Die europäischen Universitätszepter. Heidelberg : 69-72, 136-7.
- Richter, G. (1964): Die Insignien der Universität Tübingen. Tübingen : 29-37, Tafel 1-3. - Vorbrodt, G. W. / Vorbrodt, I. (1971): Corpus sceptrorum. Die akademischen Szepter und Stäbe in Europa. Bd. I. Heidelberg : 244-6.

Kopfstück eines silbernen Szepters mit gekrönter Figur, die aus dem Geflecht des Korbgriffes erwächst
Katharinenszepter, 1482 (um 1600 überarbeitet). Benannt nach der Hl. Katharina, Schutzpatronin der Artistenfakultät; Auftrag der Artistenfakultät an den Goldschmied Michel zu Wil (Michael Speidel in Weil der Stadt, 1482); 1482 und um 1600 überarbeitet; Silber (Stab aus einem Stück), teilweise vergoldet, Reste von ehemaliger grüner Emaillierung; Akanthusranken in à jour Arbeit, teilweise mit Granulation; 105,5 x 1,6 x 1,6 cm (Schaft); 2,2 cm (Durchmesser des Griffs); Silberschatz der Universität Tübingen
Silbernes Szepter mit Kopfstück mit gekrönter Figur, die aus dem Geflecht des Korbgriffes erwächst
Katharinenszepter, 1482 (um 1600 überarbeitet). Benannt nach der Hl. Katharina, Schutzpatronin der Artistenfakultät; Auftrag der Artistenfakultät an den Goldschmied Michel zu Wil (Michael Speidel in Weil der Stadt, 1482); 1482 und um 1600 überarbeitet; Silber (Stab aus einem Stück), teilweise vergoldet, Reste von ehemaliger grüner Emaillierung; Akanthusranken in à jour Arbeit, teilweise mit Granulation; 105,5 x 1,6 x 1,6 cm (Schaft); 2,2 cm (Durchmesser des Griffs); Silberschatz der Universität Tübingen

Nr. 27

Rektoratsstab der ehem. Katholischen Universität Ellwangen – Ein Szepter aus Ellwangen

König Friedrich von Württemberg beschloss 1812 die Gründung der Katholischen Landesuniversität Ellwangen, um den Katholiken des Landes hier die Möglichkeit zum katholischen Theologiestudium zu geben. Bei der Umwandlung der Universität Ellwangen zur Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen ging das Szepter 1817 in den Besitz der Universität Tübingen über.

Es handelt sich um ein Trageszepter, das entweder vor dem Körper getragen oder über die Schulter gelegt wurde. Die Gestaltung dieses Szepters ist, im Vergleich mit den beiden anderen Tübinger Szeptern aus spätmittelalterlicher Zeit, im Stil der Zeit relativ schlicht gehalten: der Schaft ist hier durch drei einfache Ringe in vier Abschnitte geteilt. Der untere Knauf wird durch eine einfache glatt belassene Halbkugel gebildet. Nur der am oberen Ende aufgeschraubte doppelte Schild mit aufgesetzter Königskrone bildet einen prägnanten Abschluss. Die Vorderseite des Schildes zeigt das Monogramm, die Rückseite mit der lateinischen Inschrift verweist auch auf den Stifter König Friedrich von Württemberg. Weiterhin wird hier das Datum der Gründung der Universität Ellwangen am 18. Oktober 1812 genannt, auch wird der Tag der Verleihung des Szepters an die Hochschule, am 5. März 1813, aufgeführt. Überliefert ist, dass an diesem Tag dem Rektor der neuen Hochschule durch einen königlichen Kommissar – unter Pauken- und Trompetenschall – der Rektoratsstab übergeben wurde. Szepter wurden auch auf Reisen zu offiziellen Anlässen mitgenommen, um an anderen Universitäten die eigene Institution zu repräsentieren.

Für die Tübinger Universitätsszepter hat sich auch jeweils ein bruchsicheres, zum Schutz der Stücke mit Samt ausgeschlagenes Futteral aus Holz erhalten. Heute werden sämtliche Szepter der Universität nicht mehr bei offiziellen Gelegenheiten benutzt, und ihr Glanz und ihre Würde vermittelt sich lediglich noch im Kontext von Ausstellungen.

Anette Michels, Sergiusz Michalski


- Richter, G. (1964): Die Insignien der Universität Tübingen. Tübingen : 40-41, Tafel 3, 4, 5.

Kopfstück eines silbernen Szepters in Form einer Krone über einem Schild mit Inschrift
Rektoratsstab der ehemaligen Katholischen Universität Ellwangen 1812; Silberrohr, Schild: Gold; Krone: Silber vergoldet; 67 cm (Länge) Stiftung von König Friedrich von Württemberg, 5. März 1813; seit 1817 im Besitz der Universität Tübingen; Silberschatz der Universität Tübingen
Silbernes Szepter mit Kopfstück in Form einer Krone über einem beschrifteten Schild
Rektoratsstab der ehemaligen Katholischen Universität Ellwangen 1812; Silberrohr, Schild: Gold; Krone: Silber vergoldet; 67 cm (Länge) Stiftung von König Friedrich von Württemberg, 5. März 1813; seit 1817 im Besitz der Universität Tübingen; Silberschatz der Universität Tübingen

Nr. 28

Mosasaurier Platecarpus Coryphaeus (Cope, 1872) – Ein Saurier wachgeküsst

Das Institut für Geowissenschaften der Universität Tübingen ist nicht nur das älteste und traditionsreichste Geologische Institut Deutschlands, sondern beherbergt auch eine der größten universitätseigenen paläontologischen Sammlungen der Welt. Durch die Tätigkeit vieler berühmter Forscher, allen voran des Altmeisters der Schwäbischen Geologie, Friedrich August von Quenstedt (1809–1889), des geologisch-paläontologischen Universalgenies Ernst von Koken (1860–1912) sowie des Saurierspezialisten Friedrich Freiherr von Huene (1875–1969) wurden einmalige Funde aus der ganzen Welt zusammengetragen. Besondere wissenschaftliche Bedeutung kommt der Sammlung durch die Tausende von Holotypen zu, Originale zu wissenschaftlichen Veröffentlichungen, aufgrund derer neue fossile Tier- und Pflanzenarten erstmals beschrieben wurden, und die heute Wissenschaftlern in aller Welt als „Urmeter“ dienen, um neue Funde vergleichen und korrekt zuordnen zu können.

Schwerpunkte der Tübinger Sammlung sind neben den Wirbellosen des Jura (vor allem Ammoniten) und Funden aus dem Holzmadener Posidonienschiefer (Ichthyosaurier, Meereskrokodile, Fische, Seelilien etc.) vor allem eine in Europa nahezu einzigartig vielseitige und international ausgerichtete Sammlung spektakulärer Saurierskelette, darunter säugetierähnlicher Reptilien aus Afrika, Nord- und Südamerika, Meeressaurier aus England und den USA, Dinosaurier aus Trias und Jura Europas, Afrikas und Nordamerikas.

Ein Beispiel aus der Sammlung, das schon seit Jahrzehnten im Magazin des Museums einem „Dornröschenschlaf“ anheim gefallen war und nun erstmals wieder der Öffentlichkeit präsentiert wird, ist der hier ausgestellte Schädel mit Teilen der Wirbelsäule von Platecarpus coryphaeus aus der Oberkreide (ca. 75 Millionen Jahre alt) von Kansas, USA (Russell 1967). Die Mosasaurier waren räuberische Echsen, die nahe mit den heutigen Waranen verwandt sind, aber ihr ganzes Leben im Meer zubrachten. Ihre Gliedmaßen waren daher zu Flossen umgewandelt und sie brachten lebende Junge zur Welt, da sie nicht mehr zur Eiablage an Land gehen konnten. Die größten Mosasaurier wurden über 15 Meter lang. Platecarpus gehört mit einer maximalen Länge von 5-6 Metern zu ihren kleineren und häufigeren Vertretern. Mit seinen spitzkonischen, kräftigen Zähnen erbeutete der Saurier vor allem Fische und Tinten- fische. Ein besonderer Kiefermechanismus erlaubte es ihm, ähnlich wie den heutigen Schlangen, sein Maul extrem weit zu öffnen, um auch große Beutetiere im Ganzen verschlingen zu können. Das hier ausgestellte Stück wurde auf Veranlassung von Prof. Ernst von Koken im Jahre 1907 von dem berühmten amerikanischen „Dinosaurier-Jäger“ Charles H. Sternberg ausgegraben.

Das Tübinger Institut verfügt über die deutschlandweit größte und bedeutendste Sammlung von Mosasauriern (Huene 1919), wobei dieses sehr gut erhaltene Stück bis heute wissenschaftlich unbearbeitet geblieben ist, da andere, vollständigere Funde die Aufmerksamkeit der Forscher mehr auf sich zogen.

Michael W. Maisch, James Nebelsick



- Huene, F. von (1919): Bilder aus der paläontologischen Universitätssammlung in Tübingen. 3. Mosasaurier. Jahreshefte des Vereins für vaterländische Naturkunde in Württemberg 75 : 183-4.
- Russell, D. A. (1967): Systematics and morphology of American mosasaurs. Bulletin of the Peabody Museum of Natural History 23 : 1-240.
- Westphal, F. / Liebau, A. (Hrsg., 1995): Schwimmsaurier. Ausstellungskataloge der Universität Tübingen, Nr. 24. Tübingen.

Präparierter länglicher Schädel und Halswirbel eines Mosasaurus auf einer gerahmten Basis
Aus der Oberkreide (Niobrara Chalk, ca. 75 Millionen Jahre alt); Schädel und vorderer Teil der Wirbelsäule; 58 x 107 x 11 cm; gefunden von Charles H. Sternberg im Jahre 1911 in Logan County, Kansas (USA); Magazin des Instituts für Geowissenschaften, Universität Tübingen

Nr. 29

Die Tübinger Kräuterbuch-Tafeln von Leonhart Fuchs – Pflanzenrisse auf Holz

Der Aufriss des bis 40 m hohen Bergahorns zeigt beispielhaft die Intention, durch Idealisierung ein einprägsames „Gesamtbild“ zu erlangen. So wurde auf die Größenrelationen von Wurzeln, Stamm und Laub verzichtet, die Krone auf sieben Hauptäste und 31 generalisierte Blätter reduziert. Nur ein einzelnes vergrößertes Blatt besitzt die typischen Artmerkmale. Ein weiterer „Kunstgriff“: Der im Mai blühende Bergahorn trägt neben einem Blütenstand bereits die erst im Herbst reifenden Früchte. Auf einen Blick also ist die Art zu erkennen, wird zugleich der Jahreszyklus im Bild festgehalten!

1535 begann Leonhart Fuchs als Professor der Medizin seine Lehrtätigkeit in Tübingen. Ausdrücklich mit der Neuordnung der Universität beauftragt, reformierte und modernisierte er Forschung und Lehre. So führte er erstmals botanische Exkursionen durch und legte beim Nonnenhaus den ersten wissenschaftlich genutzten Garten der Universität an, einen der ältesten der Welt! 1542 erschien seine Historia stirpium, ein Arzneipflanzenbuch mit 511 vorzüglichen Holzschnitten, durch das Fuchs als einer der „Väter der Botanik“ in die Geschichte einging. 1543 folgte das New Kreüterbuch, und noch während des Drucks setzte er eine Erweiterung der Historia fort. Lebenslang arbeitete er daran, ließ neue Aquarelle und Aufrisse anfertigen und bemühte sich verzweifelt – wenn auch vergeblich – um einen Verleger. Nach seinem Tod 1566 in Tübingen gelangte das umfangreiche Manuskript mit über 1500 Pflanzenbildern nach Wien in die Österreichische Nationalbibliothek, wo es bis heute vollständig erhalten ist.

Leider blieb dieses Glück einem zweiten Erbteil von Fuchs versagt: den unter seiner Anleitung entstandenen und von ihm auf den Hirnschnitten beschrifteten Kräuterbuchtafeln. Dabei hatte schon 1750 der Tübinger Sibirienreisende Johann Georg Gmelin (1709–1755) ihr Vorhandensein in der damaligen „Akademischen Bibliothek“ bemerkt und auf die Konkordanz der Pflanzendarstellungen mit denen im „New Kreüterbuch“ hingewiesen. Bis 1853 besaß die Universitätsbibliothek 196 dieser einmaligen Aufrisse, 1899 waren es nur noch 186, die dann an das Botanische Institut abgegeben wurden. „Hier“, schreibt Stübler (1928: 265), „scheint man von der Herkunft der Tafeln bald nichts mehr gewußt zu haben. In der Inflationszeit wurde nämlich der größte Teil an die Stuttgarter Akademie der bildenden Künste verkauft, wo die Zeichnungen abgehobelt wurden...“

Stübler nennt 1928 noch 25 Exemplare aus dem Botanischen Institut, rund vierzig Jahre später war ihre Zahl auf 23 geschrumpft – und beinahe wären alle weg: 1964/65 lagen sie total verschmutzt auf dem Dachboden, halb begraben unter einem Berg von Schutt und Gerümpel, den man zur baldigen „Entsorgung“ aufgetürmt hatte! Umso dringender erscheint die Schaffung eines eigenen Universitäts-Museums in Tübingen.

Klaus Dobat


- Baumann, B. / Baumann, H. / Baumann-Schleihauf, S. (2001): Die Kräuterbuchhandschrift des Leonhart Fuchs. Stuttgart.
- Dobat, K. (1983): Tübinger Kräuterbuchtafeln des Leonhart Fuchs (1501-1566). Botanisch-historische Raritäten der Eberhard- Karls-Universität Tübingen. 23 Tafeln sowie Begleitheft. Tübingen.
- Stübler, E. (1928): Leonhart Fuchs. Leben und Werk. Münchener Beiträge zur Geschichte und Literatur der Naturwissenschaften und Medizin, Bd. 13/14. München.

Aufrecht stehendes, großformatiges Buch mit hölzernem Buchdeckel
Bergahorn (Acer pseudoplatanus L.); Familie: Ahorngewächse (Aceraceae); 32,9 x 20,6 cm (Holztafel); 31,3 cm (Höhe der Zeichnung); Kräuterbuchtafel aus dem Nachlass des Tübinger Mediziners und Botanikers Leonhart Fuchs (1501– 1566); die Übertragung der Zeichnung auf den für den späteren Druck vorgesehenen Holzstock, das sog. Aufreißen, erfolgte zwischen 1555 und 1564 durch Jerg Ziegler, den letzten künstlerischen Mitarbeiter von Fuchs. Dies belegt sein doppeltes Monogramm am unteren Hirnschnitt der aus Birnbaumholz gefertigten Tafel: ein Wappen mit drei Ziegeln, gekrönt von einem Z mit senkrechtem Mittelstrich für Vor- und Nachnamen; Herbarium Tubingense, Botanisches Institut der Universität Tübingen

Nr. 30

Wachsmodell einer präparierten Leiche – Der „Franzose“ im Anatomischen Institut

Das Modell zeigt einen Körper mit abgesetzten Gliedmaßen auf einem Tuch liegend und auf einer schwarzen Holzplatte montiert. Die intakte linke Seite beeindruckt durch ein Gesicht mit echtem Haupthaar und Bartstoppeln, dessen naturalistischer Ausdruck die mit dem Tod verbundenen Emotionen wachruft und Respekt gebietet. Die rechte Körperseite ist als präparierter Situs dargestellt und zeigt am Kopf die Schädelhöhle, die tiefe Gesichtsregion mit Mundhöhle und am Hals den Kehlkopf sowie Plexus cervicalis und brachialis. Im Thorax wird das Herz mit den großen Gefäßen im eröffneten Herzbeutel dargestellt sowie die Speiseröhre mit N. vagus. Im Bauchraum blickt man auf einen eröffneten Magen; unter dem nach links verlagerten Dünndarmkonvolut erkennt man die Bauchaorta und Nervengeflechte. Der Dickdarm lässt sich bis in das eröffnete Becken verfolgen, wo eine gefüllte Harnblase sowie ein Penis mit Hoden, Samenstrang und Prostata modelliert sind.

Die Arbeit stammt aus der Werkstatt Mon Tramond, Paris, die seit der Mitte des 19. Jh. bis 1929 anatomische Präparate von so hoher Qualität anfertigte, dass sie zahlreiche Auszeichnungen und Preise erhielt. Charakteristisch für die Arbeitstechnik von Tramond ist, dass die aus farbigem Wachs geformten Organe, Muskeln und Haut um ein echtes Skelett herumgebaut wurden. Dies steht im Gegensatz zur italienischen Tradition, welche auf natürliche Stützelemente verzichtet und eine Metallkonstruktion verwendet. Gemeinsam ist beiden Arbeitsweisen, dass Nerven und Lymphgefäße durch in Wachs getauchte Drähte oder Seidenfäden dargestellt werden. Das vorliegende Modell wurde wahrscheinlich 1888 von P. J. W. Henke angeschafft – wobei der Ankauf „verschiedene(r) Skelette“ von Vasseur-Tramond mit mehr als 1948 Mark zu Buche schlug und damit die bei weitem höchste Ausgabe für Unterrichtsmaterialien des Etatjahrs 1887/88 darstellte.

Die Kunst der Wachsbildnerei zur Herstellung von medizinischen Modellen und anatomischen Präparaten geht auf das 17. und 18. Jh. zurück. Zentren befanden sich in Florenz, wo z. B. die Modelle der berühmten Sammlung des Wiener Josephinum entstanden, am Londoner Guy’s Hospital, in Paris sowie in Jena. Besondere Bedeutung erlangten die Wachsmoulagen in der Dermatologie, da sie eine sehr naturgetreue Darstellung der pathologischen Hautveränderungen erlaubten.

Bei der Weiterentwicklung der anatomischen Modelle vor dem Ersten Weltkrieg wurden in Tübingen Gipsabdrücke von in senkrechter Stellung fixierten Leichen genommen und koloriert. Die danach einsetzende Verwendung verschiedener Kunststoffe ermöglichte sodann die (auch kommerzielle) Herstellung von qualitativ hochwertigen anatomischen und naturhistorischen Modellen, deren Ziel nicht primär die naturalistisch exakte Wiedergabe, sondern die didaktisch angemessene und geschickte Darstellung ist. Für den anatomischen Unterricht im Rahmen des Medizinstudiums sind in neuerer Zeit Anschauungsobjekte unverzichtbar, bei denen Dauerpräparate durch Plastination von fixierten Organen oder Leichen hergestellt werden.

Hans-Joachim Wagner, Oliver Elbs


- Le Minor, J.-M. / Puygrenier, J. (1989) : La collection de cires anatomiques de l’École du Service de Santé des Armées de Lyon. Histoire des Sciences Médicales 23 : 131-8.
- Skopec, M. / Gröger, H. / Koller, A. (2002): Anatomie als Kunst. Anatomische Wachsmodelle des 18. Jahrhunderts im Josephinum in Wien. Wien.
- Staatsarchiv Ludwigsburg, StAL E 226/192: Bände 664, 666. [Institut-Etats für die Jahre 1885/86 und 1887/88. 
- Mit Dank an Dorothea Bader].

CW: Sensible Bilddarstellungen menschlicher Leiche

Wachsmodell einer präparierten männlichen Leiche vom Kopf bis zu den Knien, längs aufgeschnitten, um die modellierten Organe zu zeigen
Wachsmodell einer präparierten männlichen Leiche, Mon Tramond; um 1888; signiert: „Mon Tramond / Préparateur & fournisseur des Facultés / Anatomie Histoire Naturelle / Paris / 9, Rue de l’Ecole de Médecine“; Wachs, Knochen, Naturhaar, Draht, Faden, Papier, Tuch, Holz, Metall; ca. 30 x 133,5 x 63 cm (mit Holzsockel); Paris; Anatomisches Institut, Universität Tübingen
Schwarz-Weiß-Abbildung des Wachskopf mit Querschnittdarstellung von Knochen und Weichteilen
Kopf des Wachsmodells
Metallfarbenes, ovales Schild mit erhabenen Hersteller-Angaben "Tramond".
Papierschild von Tramond auf der Tuchunterlage.
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Nr. 31

Amphora – Supernike und bürgerliches Selbstverständnis

Auf der Vorderseite des mit dunklem Glanzton überzogenen Gefäßes eilt eine geflügelte Frau mit weit ausgreifendem Schritt nach links. In der Linken trägt sie eine brennende Fackel, die Rechte hält eine Spendeschale vor der Brust. Unterhalb der Fackel steht die Inschrift: KALONIKE. Das Wort meint eine erhöhende Bezeichnung der Siegesgöttin Nike, die damit gewissermaßen zur ‚Supernike’ wird. Die Rückseite zeigt einen bekränzten jungen Mann im Mantel . Die linke Hand hält den Mantel von innen so, dass die Falten außen eine Schnecke bilden. Der rechte Arm mit der geöffneten Hand ist gerade nach vorne ausgestreckt. Darunter steht: XAPMIAEZ, hinter dem Jüngling: Dabei handelt es sich um eine sogenannte Lieblingsinschrift, mit denen die Vasenmaler in Athen vor allem in der Zeit zwischen 510 und 450 die Schönheit junger Leute priesen. Obwohl Charmides auf ca. 20 weiteren Vasenbildern genannt ist, kann er nicht mit einer historisch bekannten Person identifiziert werden.

Qualität und Flüssigkeit der Ausführung weisen auf eine führende und produktive Werkstatt Athens in der Zeit um 470 v. Chr. Verschiedene Details der Zeichnung wie die ‚Mantelschnecke‘, Augenbildung oder Angabe der Fußknöchel finden ihre unmittelbaren Vergleiche in der Spätphase des sog. ‚Berliner Malers‘ und seinem Umkreis.

Für Thematik und Ikonographie der Figuren finden sich zahlreiche Vergleiche in der Zeit zwischen 480 und 465 v. Chr. Besonders häufig sind Flügelfrauen mit Fackeln, Schalen oder ähnlichen Attributen. Ihre Identifizierung mit der Siegesgöttin Nike wird erstmalig durch die Inschrift unserer Amphora gesichert. Der historische Hintergrund für die gerade in dieser Zeit so beliebten Darstellungen von Niken und Siegesopfern sind die militärischen Erfolge der Griechen über die Perser bei Marathon (490), Salamis (480) und Plataiai (479), durch die nicht nur die persische Gefahr gebannt wurde, sondern infolge derer Athen erst zu seiner politischen Vormachtstellung aufsteigen konnte. Der Manteljüngling verweist auf die dadurch ermöglichten zivilisatorischen Errungenschaften der demokratisch organisierten Bürgerschaft, auf die Athen besonders stolz war. Als Leitbild des männlichen Selbstverständnisses entspricht ihm auf einer anderen Amphora in Tübingen die ehrbare Ehefrau mit dem Wollkorb. Vorder- und Rückseitenbild vermitteln damit eine komplementäre, vom zeitgenössischen Betrachter leicht zu rezipierende Botschaft, deren breite gesellschaftliche Akzeptanz aus der massenhaften Verbreitung dieser Motive hervor geht. Die Adressatenschicht erschließt sich aus der Funktion dieser Amphoren für Wein oder Wasser bei gemeinschaftlichen Treffen der männlichen Elite.

Die Strickhenkelamphora wurde 2005 im Hinblick auf die Lehre erworben, weil sie modellhaft Rezeptions- und Affirmationsprozesse erschließen lässt, die für visuelle Kommunikationsformen der Antike paradigmatisch sind.

Thomas Schäfer


- Böhr, E. (1984): Corpus Vasorum Antiquorum. Band 52: Tübingen, 4. München : 14 f., Taf. 2.
- Datenbank des Beazley-Archivs, Oxford: www.beazley.ox.ac.uk
- Isler-Kerényi, C. (1971): Ein Spätwerk des Berliner Malers. Antike Kunst 14 : 25-30.
- Kurtz, D. C. (1983): The Berlin Painter. Oxford.

Schwarz-Weiß-Abbildung einer bauchigen Vase mit einem zentralen Motiv auf dem Bauch, einer im Laufen sich umwendenden geflügelten Frauengestalt (Nike)
Amphora mit Nike Berliner Maler (Zuschreibung); Athen, um 470 v. Chr.; attisch rotfigurige Halsamphora mit Strickhenkeln; Ton; in zahlreiche Fragmente zerbrochen und restauriert; Fehlstellen; 47 cm (Höhe); ehem. Slg. Stegner, Bietigheim; Institut für Klassische Archäologie, Schloss Hohentübingen
Schwarz-Weiß-Aufnahme eines Vasenbild-Details, eine nach rechts gewandte Frau im langen Gewand und erhobenem Arm, zu deren Füßen ein Wollkorb steht
Amphora Mus. Schloss Hohentübingen Inv. 767: Frau mit Wollkorb
Schwarz-Weiß-Detailaufnahme einer Vasenmalerei, ein nach links gewandter Jüngling in einem Gewand, das eine Schulter freilässt, den Arm deutend nach vorne gestreckt.
Rückseite: Manteljüngling.
Drei zusammengeschnittene Schwarz-Weiß-Detailaufnahmen von Inschriften in der Vasenmalerei, oben "KALONIKE", unten links "XAPMIAEZ" und unten rechts "KALOS"
Inschriften: "KALONIKE" (oben), "XAPMIAEZ" (unten links), "KALOS" (unten rechts)

Nr. 32

Magura – Ein (ge)wichtiger Meteorit

Die Mineralogische Schau- und Lehrsammlung der Universität Tübingen beherbergt neben vielen Mineralen, edlen Steinen und wertvollen Erzen eine auch international bekannte Sammlung von knapp 1000 Meteoritenproben.

Die aus den Ansammlungen und Zukäufen von Johann Georg Gmelin (1709–1755), Ferdinand Gottlob Gmelin (1782–1848) und Friedrich August von Quenstedt (1809–1889) entstandene Mineralogische Sammlung erfuhr 1869 eine wissenschaftlich und kulturhistorisch überaus wertvolle Vermehrung durch die Schenkung der Meteoritensammlung von Carl Ludwig Freiherr von Reichenbach (1788–1869). Die Meteoritensammlung Reichenbachs hatte den beträchtlichen Umfang von 418 größeren und 94 kleineren Stücken (ca. 300 kg) und war zu jener Zeit die viertgrößte der Welt. Unter diesen Exemplaren befand sich auch der Eisenmeteorit No. 33 Slanitza (heute: Magura, Inv. Nr. 9 10 2158), der mit einem Einzelgewicht von 42 kg immer noch zu den „(ge)wichtigen“ Stücken der Sammlung zählt. Reichenbach war Leiter und Teilhaber der Eisenhüttenwerke des Grafen Salm in Blansko (Mähren) und wissenschaftlich nicht nur in seinen chemischen Laboratorien tätig (Entdecker des Paraffins 1830), sondern auch ein sehr erfolgreicher Meteoritenforscher und -sammler. Unter anderem gehen die Unterscheidung und Benennung der drei Hauptkomponenten der Eisenmeteorite – Kamazit, Taenit und Plessit – auf Reichenbach zurück.

Reichenbach wurde 1839 von König Wilhelm I. von Württemberg aufgrund seiner wissenschaftlichen Verdienste geadelt. In seiner Schenkungsurkunde vom 12. Februar 1858 schreibt Reichenbach: “Ein Meteorit ist ein kleiner Stern, der sich aus den Himmelsräumen zu uns auf die Erde niederläßt. Er bringt uns Kunde von Zuständen außerhalb unserer Erdenwelt. Fragen, die wir an die Sterne, an ihre Bildungsgeschichte, an ihre Zustände, an ihre Stoffgehalte richten, beantwortet er, und gewährt uns Berechtigung zu weit reichenden Schlüssen über die Natur des Weltgebäudes und der darin waltenden Kräfte.“

Und in der Tat sind solche „Boten aus dem All“ wie Magura bis heute für die Geowissenschaftler von großem wissenschaftlichen Interesse. Diese 4,6 Milliarden Jahre alten Bruchstücke von Kleinplaneten, die im Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter kreisen und ab und zu auch auf der Erde landen, liefern wesentliche Informationen und Erkenntnisse über die Entstehung und das Material des Sonnensystems und damit auch über den Aufbau und die Entwicklung der Erde. Vielleicht waren Meteoriten sogar die Transporter der Bausteine des frühen Lebens auf unserer Erde.

Udo Neumann


- Engelhardt, W. von / Hölder, H. (1977): Mineralogie, Geologie und Paläontologie an der Universität Tübingen von den Anfängen bis zur Gegenwart. Tübingen.
- Grady, M. M. (52000): Catalogue of meteorites. Cambridge.

Unregelmäßig geformter, rot überkrusteter Meteorit vor hellem Hintergrund
Der Eisenmeteorit Magura gefunden 1840 am Orava-Fluss bei Szlanica, Slowakei; grober Oktaedrit (Typ I AB); 13 x 45 x 30 cm; Gewicht dieses Stückes: 42 kg (ursprüngliches Gesamtgewicht: ca. 1500 kg, davon 150 kg in Sammlungen erhalten); Schenkung Carl Ludwig Freiherr von Reichenbach; Mineralogische Schau- und Lehrsammlung, Universität Tübingen.

Nr. 33

Objekte aus der zahnärztlichen Sammlung – „Pelikan“ und Backenzahn

Ein „Pelikan“, so erfahren wir in dem 1666 erschienenen „Wund-Artzneyischen Zeug-Hauß“ des Ulmer Arztes und Chirurgen Joannes Scultetus, sei eine Zahnzange, die so heiße, „ ...weil sie dem Schnabel des Pelicans gleichet. Mit dieser Zang pflegen die jetzige Chirurgi fürnemlich die Stock- Zähn (Backenzähne) ohne Mühe außzureissen.“ Dass Zähne extrahieren indessen nicht immer so mühelos war, wie uns der Ulmer Stadtarzt Johannes Schultheiß glauben machen will, entnehmen wir dem Bericht des Nordhorner Chirurgen Ludwig Cron vom Anfang des 18. Jahrhunderts: „Mir selbsten ist es mit meinem Sohn Conrad Martin begegnet, als er kaum 11 Jahr alt war, hatte er in den untern Kieffer lincker Seiten den ersten Backen-Zahn so ihm hohl war, und grossen Schmerzen machte, ich nahm den Pelican und wollte ihme solchen heraus drücken, er hielte mir aber gar nicht stille, drückte ihm derentwegen, wider meinen Willen, den daran stehenden Hundes Zahn (Eckzahn) fast gantz in den Mund hinein, dass er aus seiner Wurtzel heraus war, nahm ihn aber geschwind, drückte ihn wieder in sein Loch, da er dann hernach wiederum so feste eingewurtzelt, dass er damit beissen konnte, wie zuvor, den hohlen Zahn aber ließ ich stehen, und cauterisierte ihn (brannte ihn aus) mit einem glüenden Eisen, dieweilen er oben gantz hohl und offen war, und er ferner zum Ausziehen nicht halten wollte, wodurch ihm dann sein Zahnschmertzen völlig vergangen ist.“

Wegen seiner Zahnprobleme putzte der amerikanische Präsident George Washington täglich die Zähne. Doch auch sorgfältige Mundhygiene konnte nicht verhindern, dass er schließlich alle Zähne bis auf einen verlor. Der rüstige Mittfünfziger fand aber, er sei zu jung für ein Leben ohne Biss und ließ sich von dem bekannten Prothesenmacher John Greenwood ein künstliches Gebiss aus Nilpferdzahn und Goldplatten fertigen. Geschmolzenes Blei hielt die künstlichen Zähne an ihrem Platz, wobei neben menschlichen Zähnen auch die von Pferd und Esel Verwendung fanden. Problematisch blieb, dass sich die Zähne immer wieder lockerten, so dass sich George Washington wiederholt neue Prothesen bestellen musste, von denen eine heute noch in seinem Landsitz Mount Vernon zu sehen ist. Ober- und Unterkieferprothese waren mit Federn verbunden. Deshalb musste ihr Träger kräftig zubeißen, wenn er den Mund geschlossen halten wollte.

Ein „Artikulator“ ist eine zahntechnische Vorrichtung zur Fixierung der Kiefermodelle in richtiger Bissstellung mit Seitbiss- und Vorschubbewegungsmöglichkeit. Das Besondere an diesem „Gebisssimulator“ vom Anfang des letzten Jahrhunderts ist das Fehlen einer Substanz, ohne die Prothetik heute undenkbar wäre: des Kunststoffs. Stattdessen verwendete man damals Kautschuk, in dem künstliche Zähne aus Porzellan verankert wurden.

Martin Widmann


- Cron, L. (1717): Kurtzer jedoch gantz deutlicher Unterricht von 
Aderlassen und Zahnausziehen. Leipzig. 
- Scultetus, J. (1666 [Neuauflage Stuttgart 1988]): Wund-Artzney- 
isches Zeug-Hauß. Frankfurt a. M.

Modell von Ober- und Unterkiefer mit Zähnen, durch ein Metallgestell artikuliert
Artikulator mit Kautschukprothese; 1909; lebensgroß; Zahnärztliche Sammlung der Zahnklinik Tübingen, Universität Tübingen
Mit dem Griff nach links gewandte Zange, die von der Seite betrachtet einem langen, vorne mit Haken versehenden Pelikanschnabel ähnelt
Pelikan – Extraktionsinstrument für Backenzähne; 18. Jh.; Eisen mit Griff aus Horn; 13,5 cm (Länge); Zahnärztliche Sammlung der Zahnklinik Tübingen, Universität Tübingen
Neun rasterförmig angeordnete Zahnprotesen aus jeweils mehreren Backenzähne aus hellen, teils dunkler verfärbten Knochen
Geschnitzter Zahnersatz aus Walross- und Flusspferdzähnen; um 1800; lebensgroß; Zahnärztliche Sammlung der Zahnklinik Tübingen, Universität Tübingen

Nr. 34

Commodore-Schreibsystem CBM – Beginn des Heimcomputer-Zeitalters

Computer sind aus der heutigen Welt nicht mehr fort zu denken. Abgesehen von der nahe liegenden Verwendung in Industrie und Handel haben sie sich inzwischen auch einen Platz als vollkommen selbstverständliche Haushaltsgegenstände errungen. Dabei sind sie trotzdem eine relativ junge Innovation: In den 1940er-Jahren entstanden überhaupt die ersten frei programmierbaren Rechenanlagen, in der Regel als Unikate an Forschungsinstituten.

Die 1950er sahen dann die Geburt einer Computerindustrie mit „Serienfertigung“ von Computern, wobei sich die Stückzahlen eher in Dutzenden als in Hunderten oder gar Tausenden bewegten. Computer brauchten sehr viel Raum und Energie, klimatisierte Hallen und ein speziell geschultes Bedienungspersonal und kosteten mehrere Millionen Dollar. 
Noch gegen Ende der 1950er-Jahre schätzte der IBM-Chef Thomas J. Watson den Weltmarkt für seinen leistungsfähigsten Computer auf „drei bis fünf Stück“. Aber schon 1957 etablierte sich eine Gegenbewegung: Kenneth Olsen und Harlean Anderson von der berühmten Ingenieurschule MIT gründeten die Firma DEC („Digital Equipment Corporation“) mit dem Ziel, kleine, handliche Rechner („Minicomputer“) herzustellen, die von jedermann in Büro, Labor und Fabrik eingesetzt werden konnten, ohne dass dazu Klimatisierung erforderlich war. Ihr erster Rechner, PDP-1 („Programmed Data Processor“, das Wort „Computer“ wurde bewusst vermieden) kam 1960 zu einem sensationell niedrigen Preis von 120.000 Dollar auf den Markt und wurde ca. 50 Mal verkauft. Nachfolgemodelle wie die PDP-8 (1968, 18.000 Dollar, 50.000 Exemplare) und die PDP-11 (ab 1970 in vielen Varianten mit großen Stückzahlen gebaut) sind heute noch unter Informatikern berühmt.

In der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre erschienen die ersten „Heimcomputer“ („Mikrocomputer“), zunächst ganz eindeutig auf den Hobby-Markt ausgerichtet: Apple-1 (1976), Commodore PET 2001 und TRS-80 (1977). Verblüffenderweise verschlief Ken Olsen, der die Minicomputer-Revolution gestartet hatte, diesen Trend (Zitat: „Es gibt keinen Grund, warum jemand einen Computer in seiner Wohnung haben wollte.“).

Waren die ersten Geräte in der Tat noch mehr oder weniger Spielzeuge, bereiteten sie dennoch den Einsatz im Büro vor. Der hier ausgestellte CBM 3032 ist das Nachfolgemodell des PET 2001 und war mit 32 Kilobyte Hauptspeicher, einem Doppelfloppy-Laufwerk (zusammen rund 1 Megabyte Speicherplatz) und einem Nadeldrucker für den professionellen Einsatz im Schreibbüro vorgesehen. Mit dieser bescheidenen technischen Ausrüstung (Taktrate nur 1 MHz!) ließ sich trotzdem professionelle Textverarbeitung betreiben, wie sie heute jedem selbstverständlich ist, wenngleich auch ein um vieles höherer technischer Aufwand dazu getrieben werden muss. 

Zeitgenössische Prospekte (s. Abb. 2) preisen für die damalige Zeit erstaunliche Leistungen, die heute nur noch ein Achselzucken hervorrufen können, weil sie absolut selbstverständlich geworden sind. Ein entscheidendes Datum ist dann das Jahr 1981, in dem die Firma IBM, vorher mit mehr als 50 Prozent Marktführer bei Großrechnern, mit dem IBM PC in den Markt für Bürocomputer einstieg. In Verbindung mit dem Betriebssystem PC-DOS (von Microsoft auch als MS-DOS vertrieben) führte dieser Schachzug von IBM dazu, dass sehr bald fast nur noch „IBM-kompatible“ Bürocomputer anzutreffen waren.

Herbert Klaeren


- http://www.commodore.ca/products/pet/commodore_pet.htm 
- http://www-pu.informatik.uni-tuebingen.de/Lehrstuhl/computermuseum.html

Schwarz-Weiß-Fotografie eines historischen Commodore, links der Rechner mit integrierter Tastatur und zum Bildschirm trapezförmig zulaufend, rechts gestapelt Floppy-Laufwerk und Drucker
Commodore Business Machines, Palo Alto, CA; 1979; diverse Materialien; 42 x 87 x 54 cm (hier aufgestellte Konfiguration); Schenkung Till Bentz (Rechner), Martin Gerstl (Floppy-Laufwerk und Drucker); Wilhelm-Schickard-Institut, Computermuseum
Zusammengeschnittene gedruckte Werbeanzeigen mit Text
Ausschnitt aus einem zeitgenössischen Werbeprospekt für das Commodore-Schreibsystem CBM.

Nr. 35

Objekte der osteologischen Sammlung – Stumme Zeugen

Die Gründung der heute zur Geowissenschaftlichen Fakultät gehörenden „Osteologischen Sammlung“ menschlicher Skelettreste geht auf den ersten Inhaber des Extraordinariates für „Rassenkunde“ an der Universität Tübingen, Professor Dr. rer. nat. Dr. med. W. Gieseler, zurück und damit auf das Jahr 1934. Ihm ging es getreu der Forschungsrichtung seines Lehrers Rudolf Martin († 1925) darum, die “Naturgeschichte des Menschen in ihrer räumlichen und zeitlichen Ausdehnung“ zu erfassen. Für die Dokumentation der zeitlichen Dimension sammelte er vor allem menschliche Schädel aus aller Welt und als erster nicht nur Schädel, sondern erstmals auch Skelettreste des Postkranium aus prähistorischen Zeiten. Im Jahre 1973 wurde die Osteologische Sammlung einer eigenen Leitung unterstellt, ab 1982 war sie eine selbständige Einheit in Forschung und Lehre.

Die ausgestellten Raritäten aus der Osteologischen Sammlung dienten bis weit in die 1960er Jahre der Erfassung der natürlichen Variabilität des lebenden Menschen. Die Augen- und die Haarfarbentafel wurden als wissenschaftliche „Instrumente“ bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Rudolf Martin und Eugen Fischer entwickelt und benutzt. Durch die Nummerierung bzw. alphabetische Bezeichnung der Iris- und Haarfarben sollte eine Reproduzierbarkeit der Bestimmungen erzielt werden. Mit diesen beiden Instrumenten war eine Differenzierung nach „Rassen“ im Sinne von Unterarten (Subspecies) jedoch nicht möglich.

Erst als die Methoden der DNA-Analysen entwickelt wurden, verloren sie ihre Bedeutung vollständig. Daher verlagerte man die Augen- und Haarfarbentafeln als historische Instrumente in die Osteologische Sammlung. Sie werden nicht mehr hergestellt und auch nicht mehr benutzt. Die Moulagen zweier Gesichter (Abb. 1) gehören als Weichteilrekonstruktionen ebenfalls zu den seltenen Stücken dieser Sammlung und konservieren vergangene Methoden. Nur so konnte man vor der Zeit der digitalen Fotografie ein 3D-Bild von Personen, die untersucht wurden, herstellen. Die Methode wurde nach 1968 nicht mehr gelehrt und auch nicht mehr angewendet, zumal das Material, aus dem die Moulagen geformt wurden, nicht mehr produziert wurde.

Ein sehr seltenes Fundstück stellt der Ausguss einer Pestleiche aus der Zeit von 1275–1550 dar (Abb. 2). Dieser Tote wurde – wie 20 weitere aus dem Innenraum der Kirche St. Dionysius in Esslingen – vor der Bestattung vorschriftsmäßig mit ungelöschtem Kalk übergossen. Nach der durch den Kalk forcierten Verwesung des Toten blieb – wie bei einer Abformung – ein Hohlraum bis zum Zeitpunkt der Ausgrabung in den 60er Jahren des 20. Jh. erhalten. Der Ausguss des Hohlraumes zeigt den Toten, wie er kurz nach seinem Tode ausgesehen hat. Selbst die feinen Gewebestrukturen des Totenhemdes sind abgebildet.

Alfred Czarnetzki


- Ehrhardt, S. / Czarnetzki, A. (1985): Zum 50jährigen Jubiläum des Instituts für Anthropologie und Humangenetik in Tübingen. Gründung und erste 35 Jahre. HOMO – Zeitschrift für die vergleichende Forschung am Menschen 36,1-2 : 84-94.
- Fehring, G. P. / Scholkmann, B. (1995): Die Stadtkirche St. Dionysius in Esslingen a. N. Band 1: Die archäologische Untersuchung und ihre Ergebnisse. Stuttgart.
- Martin, Rudolf (1914): Lehrbuch der Anthropologie in systematischer Darstellung mit besonderer Berücksichtigung der anthropologischen
Methoden für Studierende, Ärzte und Forschungsreisende.
Jena.

CW: Sensible Bilddarstellungen menschlicher Leichen

Frontalansicht zweier Gesichtsabformungen links ein vollständiges weibliches Gesicht mit Haaren und Hals, rechts ein männliches Gesicht von der Stirn bis zum Kinn
Negokoll-Moulagen eines weiblichen (links) und eines männlichen (rechts) Gesichts von Lebenden, um 1952–68. Negativ-Abformmasse (Negokoll); 31 x 19 x 15 cm (weibliches Gesicht); 24,5 x 13 x 11 cm (männliches Gesicht)
Gipsabguss mit unregelmäßiger Oberfläche eines weiblichen Körpers vom Kopf bis unter die Brust, inklusive der unter der Brust gefalteten Oberarme
Gipsausguss der Hohlform einer spätmittelalterlichen Pestleiche aus St. Dionysius in Esslingen, 1960–63. Gips; 86 x 45 x 21 cm (Kopf und Rumpf montiert zu einem Stück)

Nr. 36

Schädel nach Franz Joseph Gall – Rauf-, Würge- und Kunstsinn

Franz Joseph Gall (1758–1828) war überzeugt, dass die Großhirnrinde nicht einheitlich aufgebaut ist, sondern abgrenzbare Regionen mit unterschiedlicher Funktion aufweist. Er ist damit der Begründer der Lokalisationstheorie und ein Vertreter einer materialistischen Auffassung vom menschlichen Geist. Damit geriet er in Gegensatz zur kirchlichen Lehrmeinung, wurde aus seinen Ämtern in Wien entlassen und gezwungen, nach Paris zu übersiedeln.

Seine Lehre beruhte auf der Cranioskopie, der Betrachtung der Schädelinnenseite. Das dort (besonders in der vorderen Schädelgrube) zu beobachtende Oberflächenrelief erklärte Gall damit, dass Großhirnbereiche mit besonders starker Aktivität (analog zur Muskulatur) Vorwölbungen ausbilden, welche zu Abdrücken im Schädelknochen führen. Als Merkmale solcher geistiger Aktivität identifizierte Gall etwa 35 Charaktereigenschaften wie z.B. „Ruhmsucht und Eitelkeit“, „Raufsinn“, „Würgesinn“ „Kunstsinn“ und „Theosophie“. Mit dieser auf Intuition und Spekulation beruhenden Lehre der Phrenologie, dem Versuch also, Persönlichkeitsmerkmale und Schädelform in Beziehung zu setzen, fand Gall ebenso viele Anhänger wie erbitterte Gegner.

Aus heutiger Sicht ist festzustellen, dass zwei Grundannahmen von Gall durch die modernen Neurowissenschaften bestätigt werden: Dazu gehört zum einen die Lokalisationstheorie, nach der die Großhirnrinde in klar definierte funktionelle Areale gegliedert werden kann. Zum anderen hat sich gezeigt, dass das Volumen bestimmter Großhirnbezirke sich in Abhängigkeit von der Aktivität verändert: Verkleinerung bei Vernachlässigung und Vergrößerung bei Training (Repräsentation der Finger der linken Hand bei Geigespielern). Dagegen gibt es weder für die von Gall beschriebenen Persönlichkeitsmerkmale noch für deren Lokalisation im Gehirn experimentell gesicherte Anhaltspunkte.

Hans-Joachim Wagner


- Finger, S. (2000): Minds behind the brain. A history of the pioneers and their discoveries. Oxford.
- Gall, F. J. (1822-26): Sur les fonctions du cerveau et sur celles de chacune de ses parties. 6 vol. Paris.
- Gall, F. J. / Spurzheim, J. C. (1810-19): Anatomie et physiologie du système nerveux en général, et du cerveau en particulier, avec des observations sur la possibilité de reconnaître plusieurs dispositions intellectuelles et morales de l‘homme et des animaux par la configuration de leurs têtes. 4 tomes. Paris.
- Young, R. M. (1970): Mind, Brain and Adaptation in the Nineteenth Century. Oxford.

CW: Sensible Bilddarstellungen menschlicher Leichen

Frontalansicht eines menschlichen Schädels mit Markierungen auf dem gesamten Kranialbereich, die mit Charaktereigenschaften beschriftet sind
Schädel nach Franz Joseph Gall, Jahr unbekannt; 17 x 13,5 x 19 cm (Schädel), 8,5 x 18,3 x 22 cm (Plexiglas-Sockel); Herkunft unbekannt; Anatomisches Institut, Universität Tübingen.
Detailansicht des rechten Schläfenbereichs eines menschlichen Schädels mit Markierungen auf dem gesamten Kranialbereich, die mit Charaktereigenschaften beschriftet sind
Detail des Schädels nach Franz Joseph Gall, Jahr und Herkunft unbekannt; Anatomisches Institut, Universität Tübingen.

Nr. 37

Mathematische Modelle – Mathematische Modelle in Gips

Die Modell-Sammlung des Mathematischen Instituts wurde zu einem erheblichen Teil von Alexander Brill (1842–1935) aufgebaut, der von 1884–1917 Ordinarius für Mathematik in Tübingen war. 
Verschiedene klassische Werke der Mathematik des 18. Jahrhunderts enthalten umfangreiche Figurentafeln. Im 19. Jahrhundert ging man dazu über, auch besondere Modelle anzufertigen. Diese Bestrebungen nahmen etwa ab 1870 einen großen Aufschwung.

1875 wurden Felix Klein (1849–1925) und Alexander Brill als ordentliche Professoren der Mathematik an die Polytechnische Schule (ab 1877 Technische Hochschule) München berufen. Sie leisteten dort Pionierarbeit bei der Reform der Mathematik-Ausbildung künftiger Ingenieure, und sie bauten eine Modellsammlung auf, die weit über München hinaus bedeutsam wurde. Ein Modellierkabinett für Studierende der Mathematik wurde eingerichtet. Die Modellier-Übungen bildeten einen Zweig der Arbeit im Mathematischen Seminar; ein Dreher und ein Gipsformator leisteten die schwierigen handwerklichen Arbeiten. So entstanden in München 1877–1884 etwa 100 Modelle, von denen manche ein „weitergehendes Interesse“ (Brill) beanspruchen durften, die daher durch Abguss vervielfältigt und durch Vermittlung einer Buchhandlung vertrieben wurden. Bald etablierten sich auch verschiedene Modellverlage. Brills Bruder Ludwig gliederte 1877 der väterlichen Druckerei in Darmstadt einen solchen Modellverlag an.

„Dem Verfertiger eines Modells stand es frei, eine Abhandlung zu demselben zu schreiben, deren Veröffentlichung unter seinem Namen nicht wenig dazu anreizte, die oft mühsamen Rechnungen und Zeichnungen, welche der praktischen Ausführung zu Grunde lagen, durchzuführen. Öfter veranlaßte umgekehrt das Modell nachträgliche Untersuchungen über Besonderheiten des dargestellten Gebildes“ (Brill 1889: 77). Das ausgestellte Buch enthält solche Abhandlungen, die „Verfertiger eines Modells“ in den Jahren 1875–1884 verfasst haben. Mit eingebunden ist der Katalog des Modellverlags von Ludwig Brill in Darmstadt (3. Aufl. 1885). Brill hat den Band gleichzeitig als Inventarverzeichnis der Tübinger Modellsammlung benützt; er trug die Inventar-Nummern eines Modells an den entsprechenden Stellen in das Buch ein.

Zum Zweck der Modelle sagt Brill: „[Die Modelle] dienen... teilweise den Bedürfnissen des Lehrvortrags... Die Meisten dieser Modelle sind jedoch bestimmt zur Förderung geometrischer Spezialstudien... viele dieser Modelle... [wenden sich] an den Forscher, dem sie Aufschluss geben über Fragen, die ihn vielleicht sonst schon beschäftigten oder zu denen das Modell selbst Anlaß gab“ (Brill 1889: 70).

Etwa zur Zeit des Ersten Weltkriegs erlahmte das Interesse an Modellen. Dies hatte „sicher nicht nur wirtschaftliche Gründe. Vielmehr traten in der Mathematik allgemeinere und abstraktere Gesichtspunkte in den Vordergrund“ (Fischer 1986: X). Das Buch von Fischer markiert jedoch einen gewissen Sinneswandel, ein neu erwachtes Interesse daran, „sich von Objekten der Mathematik ein Bild zu verschaffen“ (ebd.).

Gerhard Betsch


- Brill, A. (1889): Über die Modellsammlung des mathematischen Seminars der Universität Tübingen. Druckfassung eines Vortrags vom 7. November 1887. Math.-naturwiss. Mitt. (Tübingen) II. Band (1887-88) : 69-80.
- Fischer, G. (Hrsg., 1986): Mathematische Modelle. 2 Bände. Braunschweig / Wiesbaden.

Weißes Gipsmodell in einer mehrfach gekrümmten, abstrakten Form auf weißer, runder Basis
Fläche konstanter negativer Krümmung nach Kuen; um 1885; Gips; 25 x 17 x 14 cm; Mathematisches Institut, Universität Tübingen
Weißes Gipsmodell mit annähernd quadratischer Seitenansicht, getunnelt
Parabolische Ringzyklide; um 1875-85; Gips; 13 x 18 x 16 cm; Mathematisches Institut, Universität Tübingen
Drei mathematische Modell aus weißem Gips auf einer langgestreckten Basis: ein gekippter Trichter, eine Kugel auf einem Würfel und ein hohler Zylinder
Darstellung in Reliefperspektive; Entstehungsjahr unbekannt; Gips; 20 x 49 x 6 cm; Mathematisches Institut, Universität Tübingen

Nr. 38

Ansicht des vollen Mondes und Dar al Gani 400 – Mondgemälde und Mondmeteorit

Der Offenburger Fotograf Julius Grimm (1842–1906) stand mit mehreren Hochschulen in Verbindung und lieferte Mikro- und Makrofotografien für wissenschaftliche Werke und Atlanten aus vielen Gebieten der Naturwissenschaften (u. a. für den Chemietechniker Karl Birnbaum, den Meteoritenforscher Gustav Tschermak, den Mediziner Sigmund Theodor Stein, den Anatomen Julius Kollmann und den Astronomen Wilhelm Valentiner), die dann auch teilweise als Lichtdrucke publiziert wurden. Im Grimm’schen Atelier und „Kunstinstitut“ befand sich zudem auch ein eigenes astronomisch-fotografisches Observatorium. Vielleicht mit Hilfe einer Projektion eigener Mondfotografien auf eine Leinwand schuf Grimm im Jahre 1895 ein großes Ölgemälde der Mondoberfläche, wie sich diese durch ein Teleskop zeigt (also um 180 Grad gedreht) – allerdings mit etwas unnatürlichem (künstlerischem) Lichteinfall von links.

Das Gemälde selbst hing in den 1970er-Jahren im Dienstzimmer von Professor Wolf von Engelhardt im Mineralogischen Institut (nachdem dieser durch einen Pedellen der Universität Tübingen auf das Gemälde in einem Dachboden aufmerksam gemacht worden war) und ist heute Wandschmuck in der EDV-Abteilung der Universitätsbibliothek Tübingen. Schon auf den ersten Blick lassen sich auf der Mondoberfläche helle und dunkle Bereiche unterscheiden. Die dunkleren Flächen, häufig kreisrund ausgebildet (Mare), bestehen überwiegend aus Basalt, während die helleren, höher gelegenen Areale (Hochländer) aus Anorthosit (einem Ca-Al-Silikatgestein) aufgebaut werden.

Meteoriten, die vor etwa 4,5 bis 3,8 Milliarden Jahren millionenfach auf dem Mond einschlugen, haben tiefer liegendes Material heraus geschleudert und Oberflächengesteine in immer kleinere Teile zertrümmert. Diese als Regolithbreccie bezeichneten Trümmermassen können bei den Einschlägen manchmal so weit herausgeschleudert werden, dass sie in den Einflussbereich der Erde geraten und hier als lunare Meteorite landen können. Da diese Ereignisse – Meteoritenbildung infolge eines Meteoriteneinschlags – selten sind, ist es nicht verwunderlich, dass man bislang nur 39 Meteorite lunaren Ursprungs auf der Erde gefunden hat.

Mineralogische und geochemische Untersuchungen am Meteoriten Dar al Gani 400 (Inv. Nr. 9 00 3434) und der Vergleich mit jenem Material, das von den sechs Apollo- und drei Luna-Missionen zurückgebracht wurde, ergaben, dass diese graue Breccie mit den hellen Anorthositbruchstücken zweifelsfrei aus den Hochland-Bereichen des Mondes stammt. Das Tübinger Mineralogische Institut unter der Leitung von Wolf von Engelhardt war nach den ersten Apollo-Flügen aktiv an der Mondforschung beteiligt. So lernten einige Astronauten vor ihrem ersten Flug bei einem dreitägigen Geländekurs im Meteoritenkrater des Nördlinger Ries die verschiedenen Trümmergesteine kennen und bestimmen. 1969 erhielten die Tübinger Mineralogen von der NASA sogar Proben des von den Apollo-11- und Apollo-12-Missionen mitgebrachten Mondgesteins zur wissenschaftlichen Bearbeitung.

Oliver Elbs, Udo Neumann


- Engelhardt, W. von et al. (1970): Shock metamorphism of lunar rocks and origin of the regolith at the Apollo 11 landing site. Proc. Apollo 11 Lunar Sci. Conf., Geochim. Cosmochim. Acta, Suppl. 1, Vol. 1 : 363-84.
- Grimm, J. (1881): Atlas der Astrophysik. Erste Lieferung: 13 Mondansichten. Lahr. (Mit Dank an Wolf-Dieter Finck).
- Stein, S. T. (21885/88): Das Licht im Dienste wissenschaftlicher Forschung. Zwei Bände. Halle a. S.
- Zipfel, J. et al. (1998): Dar al Gani 400: Chemistry and petrology of the largest lunar meteorite. Meteorit. Planet. Sci. 33 : A171.

Quadratisch gerahmtes Gemälde des Mondes vor schwarzem Hintergrund mit plastischen Erhebungen der Mondkraterlandschaft
Ansicht des vollen Mondes, Ölgemälde Julius Grimm; signiert und datiert: „J. Grimm. 1895.“; Öl auf Leinwand; 2,2 x 2,2 x 0,1 m (mit stuckiertem und vergoldetem Holzrahmen); genaue Herkunft noch unbekannt; EDV-Abteilung, Universitätsbibliothek Tübingen.
Hochkantig gezeigtes, unregelmäßiges Meteoritenstück von grauer Farbe mit hellen Einschlüssen
Der Mondmeteorit Dar al Gani 400. Lunarer Meteorit (lunar meteorite); gefunden am 10. März 1998 in Zentral-Libyen; Anorthositische Breccie (feldspathic breccia); 10 x 7 x 0,2 cm; Gewicht dieses Stückes: 8,25 g (ursprüngliches Gesamtgewicht: 1425 g); Mineralogische Schau- und Lehrsammlung, Universität Tübingen
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