Auf den zweiten Blick


Studierenden-Workshop:

Auf den zweiten Blick. Kritische Betrachtung der Ausstellung Troia, Schliemann und Tübingen aus postkolonialer Perspektive

Auf den zweiten Blick ist eine kritische Intervention, die Fragen zur Ausstellung aufwirft. Sie ist im Rahmen eines Workshops von Masterstudierenden mit der interdisziplinären Profillinie „Museum & Sammlungen MuSa“ entstanden. Postkoloniale Ansätze erhellen, wie koloniale Geschichte und Denkmuster bis in die Gegenwart fortwirken.

Mit dieser „Brille“ haben wir Leerstellen gefunden, die bestimmte Narrative schaffen und andere – bewusst oder unbewusst – auslassen. Diese Perspektive befragt auch die Provenienzen, also die Herkunftsgeschichten, und die Wege der Objekte ins Museum. 

Unser Anspruch ist nicht, diese Lücken zu füllen. Vielmehr wollen wir Fragen stellen, die Sie in der Ausstellung in den QR-Codes finden.

Wir laden Sie ein, selbst aktiv zu werden und sich der Ausstellung anhand unserer Fragen zu nähern: Was wird erzählt? Was wird nicht erzählt?


Schliemann mehrdimensional

Wer war Heinrich Schliemann? Die Ausstellung beantwortet diese Frage mit „Ausgräber von Troia“ oder auch Vater, Ehemann und zu würdigender Weltbürger. Stimmt das alles? Oder gibt es noch mehr über ihn zu erfahren? Mit dieser Darstellung wird ein positives Bild gezeichnet und das Narrativ von Schliemann als „dem Entdecker Troias“ verstärkt. Doch ist dieses Narrativ wirklich so klar und eindeutig? Welche Facetten seines Lebens fehlen dabei?

Schliemann lebte in einer Zeit, die von kolonialen und imperialen Strukturen stark geprägt war. Inwiefern profitierte er davon und sollte das in die Darstellung seiner Person miteinbezogen werden? Beispielsweise handelte er mit sogenannten Kolonialwaren, vor allem mit Farbstoffen, wie Indigo, mit Genussmitteln und Industrierohstoffen. War er ein Self-Made-Man und Kosmopolit oder gehört mehr dazu?

Nach Geschäfts- und Forschungsaufenthalten auf verschiedenen Kontinenten entschloss er sich, das antike Troia ausfindig zu machen, das er unter dem Hügel Hisarlık in der Troas vermutete. Doch war er damit der Erste? Tatsächlich gab es vor Schliemann – Anfang des 19. Jahrhunderts – bereits erste Vermutungen. Die ersten Ideen dazu stammten von dem britischen Reisenden Edward Daniel Clarke. Etwa Mitte des 19. Jahrhunderts publizierte der britische Journalist Charles McLaren diese Idee. Dadurch wurde der Brite Frank Calvert darauf aufmerksam und verfolgte diesen Ansatz weiter. Calvert führte zwar erste Ausgrabungen durch, stellte jedoch keine konkreten Behauptungen auf. Schliemann konkretisierte die zuvor entstandenen Vermutungen, stützte seine weitere Forschung darauf und führte erste Sondierungsgrabungen durch. Diese Grabungsarbeit führte Schliemann nicht allein durch. Er stützte sich zudem auf Verweise aus der lokalen Bevölkerung. Außerdem bestand sein Grabungsteam zu großen Teilen ebenso aus lokalen Arbeitern. Bleibt Schliemann trotzdem der alleinige Entdecker Troias? Sollte den Forschern, die sich vor ihm mit dem potenziellen Fundort beschäftigten, eine Anerkennung entgegengebracht werden? Und welche Rolle spielt das Wissen der lokalen Bevölkerung in dieser Überlegung?

Bei seinen Ausgrabungen in Troia stieß Schliemann auf einen Goldfund, den er den „Schatz des Priamos“ nannte. Diesen Schatz brachte er, obwohl anders vereinbart, außer Landes. Bereits 1868 wurde im osmanischen Antikengesetz die Ausfuhr archäologischer Funde durch europäische Forscher reglementiert und begrenzt. In Schliemanns Fall führte die Ausfuhr seiner Funde zu langen Gerichtsverhandlungen zwischen ihm und dem Osmanischen Reich. Sie endeten damit, dass Schliemann seinen Fund „freikaufte“. War Schliemann wirklich im Recht die Objekte mitzunehmen? Oder sollten wir heute bei scheinbar klaren juristischen Sachlagen nicht immer auch Fragen der moralischen Gerechtigkeit mit einbeziehen? 

Die heutige Rezeption von Schliemann ist auch durch seine Selbstdarstellung stark geprägt. Seine ausführliche Dokumentation in Form von Tagebüchern und Korrespondenz ist zum Teil die einzige Quelle, die Forscherinnen und Forschern Zugang zu seiner Person bietet. Inwiefern kann der einseitigen historischen Quellenlage zu Schliemann vertraut werden? 

Was ist Ihr Bild von Schliemann? Wird Schliemann für Sie greifbar?


Welche Wege führen ins Museum?

Bis Objekte ins Museum gelangen, haben sie meist einen weiten Weg hinter sich gebracht. Dieser Weg wurde selten ausführlich dokumentiert. Unrechtskontexte wurden so – bewusst oder unbewusst – unsichtbar (gemacht) und sind heute nur noch schwer nachzuvollziehen. Provenienzforschung befragt Archivmaterial, um Machtverhältnisse und Erwerbsumstände zu rekonstruieren. Dieser Ansatz findet allmählich in immer mehr museumswissenschaftlichen Fachdisziplinen Anwendung.

  • Inwieweit spielen in der Archäologie die Herkunftsgeschichten der Objekte eine Rolle? Und sollten diese Wege dem Publikum transparent gemacht werden? In welcher Form? Und wie kann mit Lücken in der Provenienzkette umgegangen werden?
  • Über welchen Weg erreichten die Troia-Objekte das Museum der Universität in Tübingen?
  • Schliemann überließ seine Grabungsfunde „dem deutschen Volke“ zur wissenschaftlichen Nutzung. Im Gegenzug erhielt er eine Würdigung für seine archäologischen Verdienste. Wie ist diese Würdigung aus heutiger Sicht zu bewerten?
  • Wie kann die Rechtmäßigkeit des Besitzes betrachtet werden – nach damaligem Recht sowie aus heutiger Perspektive? Können Leihgaben oder geteilter Besitz eine Alternative bieten? 
  • Inwieweit prägten Machtasymmetrien zwischen Schliemann, einem Vertreter einer westlichen Kolonialmacht, und dem damaligen Osmanischen Reich dieses Verfahren?

Und jetzt?

Für eine offene, postkoloniale Debatte ist es notwendig, Aspekte der Provenienz und des kulturellen Erbes stärker in den Diskurs um Troia zu integrieren. Besonders die Perspektive der heutigen Türkei sollte mehr Beachtung finden. Zu fragen ist, wie mit Troia-Objekten umgegangen und ob über faire und gerechte Lösungen diskutiert werden sollte. Die Provenienzforschung strebt solche Lösungen an. Das schließt sich an eine grundsätzliche Frage an: Wie wollen wir zukünftig mit unserem kulturellen Erbe umgehen? Wer darf und wer sollte hier mitdiskutieren?


Interventionsteam:

  • Diellëza Hyseni
  • Jasmin Kellmann
  • Teresa Pohl
  • Aline Riedle
  • Antonia Schnell
  • Simon Zauner